Und plötzlich ist der Horror der ersten russischen Bomben auf Kiew greifbar, hier im Berner Café. «Es war laut, die Wände des Kellers, in dem ich mich versteckte, wackelten», erinnert sich Nata Gerasymechko.
Ihr Sohn Goscha ist damals zweieinhalb Jahre alt. Die Angst in seinen Augen treibt die Ukrainerin in die Flucht. Nata ist so verängstigt, dass sie möglichst weit weg will. Deshalb geht sie nicht nach Polen, nicht nach Tschechien, sondern in die Schweiz. Knapp einen Monat nach Kriegsbeginn kommen sie und Goscha mit einem Rucksack an.
In der Schweiz fühlt sie sich verloren, aber auch unterstützt: «Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie gut ich aufgenommen wurde», erzählt Nata. Nach Monaten bei einer Gastfamilie findet sie eine winzige Wohnung in Bern. Sie ist einsam und hat Mühe, Arbeit zu finden.
In Kiew hatte Nata eine eigene Agentur für Digitales Marketing. In der Schweiz gelten ihre Erfahrung und ihre beiden Studienabschlüsse wenig. Dazu kommt die Sprachbarriere. Schliesslich findet die heute 40-Jährige über Umwege eine Stelle als Datenanalystin bei Nestlé. Ihr Sohn geht in Bern in den Kindergarten. Die Schweiz sei für ihn seine zweite Heimat geworden und auch ihr Leben sei inzwischen hier, so Nata.
Der Ehemann im Krieg
Die Ukraine bleibt Sehnsuchtsort. Doch die Distanz zu den Menschen zu Hause wird grösser und grösser. Auch zu Natas Ehemann, der in den Krieg zieht und dort verletzt wird. Am Anfang habe sich ein Graben aufgetan zwischen ihrer und seiner Welt. Dann wurde daraus ein Abgrund. Seit eineinhalb Jahren sind sie geschieden. Wie so viele Paare, die durch den Krieg getrennt worden seien, sagt Nata.
Nata fühlt sich wohl in der Schweiz, auch wenn die Solidarität mit den ukrainischen Flüchtlingen nach vier Jahren Krieg abgenommen hat. Sie kenne hier immer noch Menschen, die sich kümmerten. Sie könne aber auch jene verstehen, die sich nicht mehr so für das Schicksal der Ukraine und der ukrainischen Flüchtlinge interessierten.
Ungewisse Zukunft
Und wo sieht Nata ihre Zukunft? In der Schweiz oder in der Ukraine? Sie liebe ihre Heimat noch immer. Doch dass sie zurück kann, hält sie für wenig wahrscheinlich. Pläne hat Nata nur bis März 2027. Bis dann gilt der Schutzstatus S für ukrainische Kriegsflüchtlinge.
Bis dann sei sie sicher, sagt Nata. Über das Danach versucht sie, noch nicht nachzudenken. Aus Selbstschutz. «Ich würde sonst nur leiden», hält sie fest. Immerhin habe sie in diesen vier Jahren auf der Flucht gelernt, anpassungsfähig zu sein.