Stereotype Figuren im Theater «Nichtweisse sehen wir so gut wie gar nicht»

Stadttheater programmieren für eine weisse Oberschicht – dementsprechend werden die Rollen vergeben. Die Diversitäts-Expertin Inés Mateos über Klischees auf Schweizer Bühnen und den fehlenden Mut zur grossen Vielfalt.

Ein Mann und eine Frau halten sich fest und stehen eng Gesicht an Gesicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Seltenheit: Ein schwarzer Schauspieler (Ramsès Alfa) spielt 2015 Othello am Konzerttheater Bern. Konzerttheater Bern/Annette Boutellier

«Junger Held» oder «intrigante Mutter»: Theater-Ensembles basierten lange auf stereotypen Figuren. Warum pflegt die Bühne auch heute noch überholte Geschlechterklischees?

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Zur Person

Zur Person

Inés Mateos arbeitet als selbständige Expertin, Beraterin und Dozentin zu gesellschaftlichen Themen rund um Bildung und Diversität im In- und Ausland. Davor war sie u.a. Projektleiterin in der Abteilung Gleichstellung von Basel-Stadt.

Insbesondere Stücke, die auf klassisches Sprechtheater setzen, scheinen eine grosse Barriere für alternative Rollenentwürfe zu haben. Weniger ausgeprägt ist das im Tanz- oder Musiktheater. Wobei Stereotype nicht grundsätzlich schlecht sind, denn sie helfen, die Umwelt in unübersichtlichen Situationen einzuordnen.

Indem jedoch einzelne Aspekte einer Person hervorgehoben werden, verhärten sich diese: Eine junge Frau ist dann zwingend eine naive Frau; ein junger Mann ein Held – wie im Märchen mit klar zugeteilten Rollen von Gut und Böse. Da gibt es keine Ambivalenz. Es wird nicht erzählt, warum jemand böse werden könnte.

Wie hat sich das entwickelt?

Das Theater suchte immer wieder neue Darstellungsformen. In der Commedia dell'Arte etwa spielten die Schauspieler stereotypisierte Figuren, teilweise mit Masken. Das sogenannte Rollenfach wiederum pflegte Figuren wie den «jugendlichen Liebhaber» oder die eingangs erwähnte «intrigante Mutter».

Das hat sich stark gewandelt: Noch vor 100 Jahren waren Frauen in leitenden Berufen oder Homosexuelle auf der Bühne unvorstellbar. Heute gehört das zum gängigen Spektrum. Das Angebot an Geschlechterrollen ist zwar insgesamt breiter, aber nach wie vor stereotypisiert. Der junge Hipster-Vater mit dem Kind auf dem Arm scheint das maximal Denkbare auf grossen Bühnen zu sein.

«  Theater kann der Motor für gesellschaftliche Veränderungen sein. Doch dazu braucht es mehr Diversität. »

In Tschechows «Drei Schwestern», das vergangene Saison im Theater Basel aufgeführt wurde, waren denn auch die homosexuellen Rollen stark klischiert dargestellt: Der Schwule wurde promiskuitiv, die lesbische Frau streng und asexuell gezeichnet.

Dennoch: Transmenschen beschreiben die Theaterbühne bisweilen als Ort, wo sie in andere Geschlechterrollen schlüpfen konnten und damit ihrer Identität auf die Spur kamen. Wann kann Theater ein experimenteller Raum sein?

Wenn neue Ansätze von Lebensformen gezeigt werden und die Bühne ein Ort der Transformation wird. Das Theater soll irritieren und bisher unbekannte Bilder in die Welt setzen. So kann es Motor für gesellschaftliche Veränderungen sein. Doch dazu braucht es mehr Diversität in den Theaterhäusern.

Auf oder hinter der Bühne, im Publikum?

Überall. Es geht um die Repräsentation von Vielfalt, die im Programm zum Tragen kommt und um die Frage, welche Erfahrungswelten auf die Bühne gelangen. Wenn Menschen of Color nur «arme Flüchtlinge» spielen dürfen und die Frau mit Behinderung gar nicht auf die Bühne gelangt, dann kriegt das Publikum stets dasselbe zu sehen. Nämlich weisse, mittelständische, bühnendeutschsprechende Darstellerinnen der immer selben Geschichten, die mit der Welt ausserhalb des Theaters nicht mehr viel zu tun haben.

«  Je diverser eine Institution, desto vielfältigere Geschichten werden erzählt.  »
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Die SRF-Reportage «Zwölf Schauspielschüler» begleitet Schauspielstudierende der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) durch ihre Ausbildung. Im zweiten Studienjahr beschäftigt die jungen Schauspieler die Frage, welche Rollen zu ihrem Typ passen.

Zudem muss das Personal kritisch unter die Lupe genommen werden – von der diversen Zusammensetzung der Spielerinnen und Spieler bis zur Theaterleitung. Deutschschweizer Ensembletheater sind diesbezüglich weit entfernt von Entwicklungen, wie sie beispielsweise in Berlin mit dem postmigrantischen Theater gemacht wurden.

Es geht um Grundsätzliches: Wer hat Zugang zum Theater und wer nicht? Wer verkörpert wen? Für ältere Frauen etwa gibt es kaum Rollen, für ältere Männer ist das Angebot reicher. Nichtweisse sehen wir auf den grossen Schweizer Bühnen so gut wie gar nicht.

Je diverser eine Institution, desto vielfältigere Geschichten werden erzählt. Und es stellt sich die Frage nach dem Zielpublikum: Für wen programmiert ein Stadttheater? Welche Geschichten werden erzählt, aus welcher Perspektive? Bei den grossen Häusern ist dies im Wesentlichen eine weisse Mittel- bis Oberschicht – man braucht sich nur im Publikum umzusehen.

Was ist mit genderfluiden Figuren die sich eindeutigen Zuschreibungen entziehen?

Positionen dieser Art bringen Theaterhäuser zu selten auf die Bühne – aus Angst vor Diskussionen um Feminismus oder die sogenannte «Genderisierung», politisch und gesellschaftlich auch heute heikle und vieldiskutierte Themen. Das Fluide kommt meist nur zum tragen, wenn es explizit als Thema gesetzt wird. Anders in der freien Szene und in Jugendtheatern, die sich oft spielerisch mit Identitätsfindung und gesellschaftlichen Normen auseinandersetzen.

Kürzlich zeigte das junge Theater Basel das Stück «Wohin Du mich führst» mit fünf Figuren. Alle fünf jungen Schauspieler und Schauspielerinnen spielten alle fünf Rollen. Für das Publikum stellte dies eine grosse Herausforderung dar. Die Schauspieler mussten viel Zusatzarbeit leisten damit klar wurde, wer gerade wen spielt. Aber es funktionierte und machte die gespielten Figuren vielfältiger – dies wäre eine Möglichkeit, das Spektrum zu öffnen.

Dank Virtual Reality werden heute gänzlich neue Geschlechterperspektiven erfahrbar. Liegt darin Potenzial für die Weiterentwicklung des Theaters?

Virtual Reality erlaubt, Kategorien hinter sich zu lassen, die einen im Alltag definieren. Egal ob gross, dick oder dünn, unabhängig von Beruf, Hautfarbe oder Akzent, ob Mann oder Frau: Man kann in andere Rollen schlüpfen und vielfältige Facetten der eigenen Persönlichkeit entdecken. Daran sollte sich Theater stärker orientieren. Alle können alles spielen.

Das Gespräch führte Katharina Flieger.