Stilbildender Kameramann Der Meister der kreisförmigen Kamerafahrt ist gestorben

Seine Kamera zog den Zuschauer in einen cineastischen Strudel: Der Kameramann Michael Ballhaus ist 81-jährig gestorben.

Ein Porträt von Michael Ballhaus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sein Leben wirkte wie seine Arbeit: geradlinig, sensibel und stets im Dienst ungezähmter Visionäre: Michael Ballhaus. Keystone

Das Wichtigste in Kürze:

  • In der Nacht auf Mittwoch ist der Kameramann Michael Ballhaus 81-jährig gestorben.
  • Ballhaus erfand den berühmten «Ballhaus-Kreisel», eine kreisförmige Kamerafahrt, die er unter anderem in Filmen von Fassbinder und Scorsese anwendete.
  • Ballhaus war hinter der Kamera für Filme wie «Martha», «Goodfellas», «Gangs of New York» oder «The Departed» verantwortlich.

Innerhalb der neuen Kinogeschichte bleibt Michael Ballhaus nicht nur aufgrund seines enormen Talents ein Phänomen. Ballhaus wirkte stets geerdet, solide. Er war ein Handwerker mit einem Sensorium, ein Übersetzer für Ideen, Gefühle, Beziehungen in Bilder.

Am augenfälligsten war wohl der Kontrast zwischen dem bedächtigen, gradlinigen und doch visionären Techniker in seiner Zusammenarbeit mit dem Vitalberserker Rainer Werner Fassbinder. Fünfzehn Filme hat Ballhaus mit Fassbinder realisiert.

Rückblickend kann man sagen, dass seine intuitive Bilderfindung und suggestive Kamera einen riesigen Anteil daran hatten, Fassbinders verstörenden, schneidenden, autopsierenden und selten freundlichen Blick auf die menschlichen Unzulänglichkeiten und gesellschaftliche Unterströmungen dem Publikum nicht nur erträglich, sondern zugänglich zu machen.

Bildhafter Strudel durch die Kamera

Dabei hat Ballhaus nicht etwa geschönt, im Gegenteil. Berühmt geworden ist etwa sein erster Einsatz der kreisförmigen Kamerafahrt um Menschen herum. Eingesetzt hatte das schon der Franzose Claude Lelouch.

Die berühmte Kamerafahrt in Fassbinders «Martha»

0:40 min, vom 13.4.2017

Aber als Ballhaus mit seiner Kamera für Fassbinders «Martha» 1974 im Kreis um Margit Carstensen und Karlheinz Böhm fuhr, während die beiden Schauspieler sich ihrerseits gegenseitig umkreisten, war der «Ballhaus-Kreisel» etabliert.

Der dabei entstehende bildhafte Strudel nahm die leidenschaftliche, sadomasochistische Beziehung der Protagonisten voraus und saugte das Publikum richtiggehend in das aufflammende Verhältnis ein.

Ballhaus, der bedächtige Planer

Der Sohn eines Theaterehepaars wuchs in Künstlerkreisen auf. Er war dank seinen Eltern schon als Adoleszenter auf Filmsets, etwa bei Max Ophüls, und begann seine Laufbahn als Kameramann mit einer Fotografenausbildung. Seine Faszination für die Technik und ihre Möglichkeiten paarte er mit einem Sensorium für Situationen und Menschen.

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Wo Fassbinder sich mit Gusto und einem autodestruktiven Zug in die Abgründe menschlicher Leidenschaften stürzte, seine Stammschauspielerinnen und Entourage auch im kreativen Alltag fasziniert und rücksichtslos gegeneinander ausspielte, blieb Ballhaus der bedächtige Planer, der Übersetzer, der Mann, der eine Idee erfasste, umsetzte, inszenierte und bildlich nachvollziehbar machte.

Schwindel und Kater auf der Leinwand

Die stärksten Momente von Ballhaus' Arbeit sind stets jene, die in einer unvorhersehbaren Situation mit einer konstanten Bewegung so etwas wie Sicherheit im Sturz versprechen. Seine Bilder nehmen gefangen, seine Kamerabewegungen ziehen mit, aber sie verführen auch mit ihrer inszenatorischen Sicherheit, der man sich fast schon träumerisch überlassen darf.

Michelle Pfeiffer im roten Samtkleid. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «The Fabulous Baker Boys»: Michelle Pfeiffer im roten Samtkleid. Gladden Entertainment

Monumental übersteigert hat er diese Momente in seinen Arbeiten in den USA. Wenn er Jeff Bridges und Michelle Pfeiffer auf der Bühne mit der Kamera umkreist, Bridges am Flügel, in Steve Kloves «The Fabulous Baker Boys» von 1989, und Michele Pfeiffer im knallroten Samtkleid auf dem Flügel liegend, singend, sich drehend und wendend, dann ist da wieder dieser saugende Strudel der Leidenschaft, die totale Verführung.

Die beiden verbringen denn auch die Nacht miteinander und erwachen am nächsten Morgen im totalen Kater – was das Publikum perfekt nachvollziehen kann, gerade dank der eigenen Verführung durch Ballhaus' Kamera.

Eine einzige fliessende Bewegung

Oder wenn Ballhaus in Martin Scorseses Edith Wharton-Verfilmung «The Age of Innocence» (1993) eine Ballszene filmt, indem er die Kamera die Wand hoch und dann unter der Decke entlang über den tanzenden Menschen schweben lässt, in einer einzigen fliessenden, zwingenden Bewegung, dann ist auch da wieder dieses Unaufhaltsame, Verführerische, das in der Bewegung Sicherheit garantiert und gleichzeitig mit dem möglichen Absturz spielt.

In der Nacht auf Mittwoch ist Michael Ballhaus 81-jährig gestorben. Im Rückblick wirkt sein Leben wie seine Arbeit: Geradlinig, sensibel, enorm produktiv und stets im Dienst ungezähmter Visionäre, denen seine im perfekten Handwerk verankerte Ideen-Übersetzungsarbeit den letzten, entscheidenden Halt verlieh.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 13.04.2017, 06:00 Uhr