«Django Unchained»: Ein zähes Vergnügen
- Mittwoch, 16. Januar 2013, 16:34 Uhr
Quentin Tarantino wagt sich an ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte: Für sein Sklaverei-Epos arbeitet sich der Meister der Genre-Jonglage auch in seinem neusten Streifen an der Filmgeschichte ab.
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Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) hat den Sklaven Django (Jamie Foxx) befreit. 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
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Christoph Waltz und Jamie Foxx machen Jagd auf fiese Sklaventreiber, die Brittle-Brothers. 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
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Während Django aus der Versklavung ausbricht und Kopfgeldjäger wird, ist seine Frau noch immer als Sklavin gefangen. 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
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Leonardo DiCaprio spielt einen Sklavenhalter. 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
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«Oiink, Oiiink, Oiiiink» – was sich im epischsten aller Italo-Western, «Spiel mir das Lied vom Tod», als Quietschen eines Windrads entpuppt, erweist sich zu Beginn von Tarantinos neustem Film «Django Unchained» als Geräusch eines wackelnden Zahns. Ein überdimensionierter Stockzahn wackelt am Ende einer Sprungfeder auf dem Dach einer lottrigen, winzigen Holzkutsche, laut und fast schon provozierend munter.
Die mobile Zahnarztpraxis gehört Christoph Waltz alias Dr. King Schultz. Und der ist kein Zahnarzt, sondern ein äusserst kultivierter Kopfgeldjäger aus Deutschland. Die Kombination aus Zahnarzt und Bounty Hunter ist eine Anspielung des ausgewiesenen Zitat-Spezialisten Quentin Tarantino auf die Welt des Westerns. Sein Genre-Fleischwolf hat aus dem weissen Spaghetti-Westernhelden Django (aus dem titelgebenden Original von 1966) einen schwarzen Sklaven (gespielt von Jamie Foxx) gemacht.
Sklaventreiber und Wortspiel-Lieferanten
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Bildlegende: Quentin Tarantino am Set von «Django Unchained». 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Django und Dr. Schultz machen gemeinsam Jagd auf die fiesen Sklaventreiber und dankbaren Wortspiel-Lieferanten Brittle-Brothers. Weil Django im Verlauf der Geschichte das Joch der Sklaverei abwirft und Kopfgeldjäger wird, weil seine Frau immer noch als Sklavin gefangen ist und Broomhilda heisst und weil Schultz (Waltz) Deutscher ist und darum Romantiker (wie bei Sigfried und Brunhilde aus dem Nibelungenlied), werden sie beste Freunde und wollen mit gemeinsamer Kraft Broomhilda aus ihrer Gefangenschaft befreien.
Tarantino nicht in Topform
Wie man mit dem Western-Genre auch heute noch originell umgehen kann, haben 2004 schon die HBO-Serie «Deadwood» und aktuell «Copper» (BBC America) eindrücklich vorgemacht. Wer den Western um seinen kleinen Bruder Italo-Western mitsamt seinen japanischen Wurzeln und um Blaxploitation-Elemente erweitert, wie das Quentin Tarantino tut, kann sich aus einem enormen Pot filmischer Stilmittel bedienen. Aber Mr. Tarantino zeigt sich nicht in Topform: «Django Unchained» wirkt etwas uninspiriert.
Samuel L. Jackson lässt Blut in den Adern gefrieren
Über weite Strecken ist der Film eine Christoph-Waltz-Show. Sein Spiel erinnert frappant an seinen Nazi-Sadisten in «Inglorious Bastards», für den er 2010 den Oscar bekam. Das erscheint in diesem Fall unmotiviert, schliesslich ist Schultz der einzige Nicht-Rassist in diesem Sklaverei-Epos, zwar ein Menschenjäger, aber einer mit einem guten Herz. Leonardo DiCaprio liefert eine Johnny-Depp-Pirates-of-the-Caribbean-Parodie im Kostüm von Clark Gable, «Gone with the Wind», und das in einem nicht enden wollenden, sinn- und humorfreien Esszimmer-Intermezzo. Jamie Foxx spielt seinen Django einem wortkargen Westernhelden würdig. Das Blut in den Adern gefrieren lässt einem Samuel L. Jackson, in seiner atemberaubenden Darstellung des alten, mit seinem Meister solidarischen Haussklaven.
Visuelles Potential nicht ausgeschöpft
«Gemetzel mit Waffen und Worten»
3:22 min, aus Kultur kompakt vom 16.01.2013
Wenn leuchtendrote Blutspritzer des Sklavenhalters Ellis Brittle auf einem Meer aus blütenweissen Baumwoll-Knospen landen, wie Farbe aus der Hand von Jackson Pollock auf einer nagelneuen Leinwand, erkennt man den bildgewaltigen Tarantino aus Kill Bill und ahnt das visuelle Potenzial, das in «Django Unchained» brach liegt. Wenn Don Johnson alias Big Daddy sich über die schlechte Sicht unter der Ku-Klux-Klan-Maske beklagt, klingt der schwarze Humor von «Pulp Fiction» an, während einem die restlichen Mätzchen ein faules «tzzzzzzzz» entlocken.
Tarantino schildert die Gräueltaten des weissen Mannes in der Zeit der Sklaverei schonungslos und für ein jüngeres amerikanisches Publikum vielleicht sogar schockierend. Er ermächtigt den unterdrückten schwarzen Mann und stilisiert ihn zur coolen Rächer-Figur: «They never saw a nigger on a horse!» Das bleibt aber das einzig wirklich Bemerkenswerte. Visuelle und erzählerische Einfallslosigkeit, fehlende Spannung und – gewöhnlich die Sahnehaube auf den Tarantino-Filmen – ein liebloser Soundtrack machen die fast drei Stunden zu einem zähen Vergnügen.
Sendung zu diesem Artikel
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Box Office
Quentin Tarantino ist zurückMittwoch, 16. Januar 2013, 19:00 Uhr
Der Kultregisseur Quentin Tarantino ist zurück: mit dem Western «Django Unchained». Mit einem afroamerikanischen Helden, der die Klamotten von Little Joe aus «Bonanza» trägt.
9 Kommentare
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Wie war die alte Regel? Filme welche die Kritiker nicht mögen sind oft sehr sehenswert. Mir ist unklar, wie Frau Guyer auf ihr durchaus vernichtendes Urteil kommt. Ein Beispiel: Der Soundtrack über den sie sich hier beklagt umfasst rund 30 Musikstücke, wovon 1/3 entweder dem Original entliehen oder aber eigens für diesen Film komponiert wurden. Erstaunlich, dass hier das Urteil "lieblos" fällt... Aber womöglich war Frau Guyer selbst auch nicht in "Topform" beim Verfassen der Kritik...
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Ich bin sehr beeindruckt von der Qualität dieser Rezension (und das auf SRF). So was sucht man normalerweise im Filmbulletin. Ich kann der Kritik nur zustimmen. Tarantino verliert sich hier ein wenig im Genre-Schlamassel und wirft im Vergleich zu IB zu viele Themen in einem Topf. Natürlich macht das den Film nicht schlecht. Er ist immer noch unterhaltsam, aber bestimmt kein Meisterwerk - und bestimmt unter den Möglichkeiten eines Tarantino.
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Leider kann ich Ihnen hier nicht zustimmen. Die Rezension ist alles andere als beeindruckend. Vielmehr scheint es mir eine lieblose (verzeihung, den Verweis konnte ich mir jetzt nicht verkneifen) verquickung von negativen Attributen zu handeln. Über die Grundlage für ihre Meinung lässt uns Frau Guyer völlig im Dunkeln. Das macht diese Rezension in meinen Augen weniger "Filmbulletin" würdig als viel mehr zu einem subjektiver Kommentar der zufällig auf einer grossen Plattform publiziert ...
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Alex Graf, Zurich
Sonntag, 20.01.2013, 01:20War die Autorin im richtigen Film?