Harte Kindheit statt heile Welt: «Heidi» pfeift auf Schönfärberei

Gesund und glücklich macht der Alltag auf der Alp auch in der neusten Heidi-Verfilmung. Doch trotz viel Bergluft und Heu lebt das Naturmädchen nicht mehr in einer völlig idealisierten Welt. Drehbuchautorin Petra Volpe und Regisseur Alain Gsponer erzählen von einem Waisenkind, das niemand haben will.

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Filmstart diese Woche: «Heidi»

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SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.

Bereits die erste Einstellung lässt erahnen: Dies ist kein Film für Weicheier. Die Nahaufnahme zeigt eine Hand, die durchs Gras streicht. Eine naturverbundene Geste, die verblüffend stark dem Beginn von «Gladiator» gleicht. Alles reiner Zufall? Mag sein. Doch egal, wie bewusst das Zeichen gesetzt wurde, die Anspielung passt.

Was folgt, ist harter Tobak: Tante Dete hat nach drei Jahren genug vom Kinderhüten. Heidi muss weg. Darum schiebt sie die Verantwortung in die Hände eines einsamen, alten Mannes mit zweifelhaftem Ruf.

Wer die Romane von Johanna Spyri aus dem 19. Jahrhundert gelesen hat, weiss: Der Film hält sich eng an die Vorlage. Neu ist nur der realistisch-schroffe Tonfall.

    • Bruno Ganz raucht vor seiner Alphütte mit grimmigem Blick Pfeife. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Stur wie ein Bock: Bruno Ganz als Alpöhi. Walt Disney

      Das stärkste Zitat

      «Verschwind‘ samt em Kind!» raunzt der grimmige Alpöhi Dete an, die Schwester der verstorbenen Mutter von Heidi. Dete hat ihm soeben klar gemacht, dass er sich als einziger lebender Blutsverwandter nun um Heidi kümmern muss. Doch der verzottelte Eigenbrötler schert sich vorerst einen Dreck um Opa-Pflichten. Schauspiel-Legende Bruno Ganz ist als bärbeissiger Bergler eine Naturgewalt. Der 74-jährige Träger des Iffland-Rings beweist damit einmal mehr: Die Wut, die steht Ganz gut!

    • Nahaufnahme von Regisseur Alain Gsponer auf dem roten Teppich. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Alain Gsponer (39) posiert für die Fotographen im Rahmen der «Heidi»-Weltpremiere. Walt Disney

      Der Regisseur

      Alain Gsponer kehrt mit «Heidi» zu seinen Regie-Anfängen zurück. Sein erster Kurzfilm aus dem Jahre 1998 trug denselben Titel. Die animierte Satire stellte lustvoll das Image der Schweiz als Heidi-Land infrage. Richtig lanciert wurde die Karriere des gebürtigen Schweizers aber erst vor zehn Jahren mit seinem ersten Langspielfilm «Rose». Die berührende Liebeserklärung an alleinerziehende Mütter wurde unter anderem als «Bester Fernsehfilm» ausgezeichnet. Ebenfalls im bereits erstaunlich breiten Oeuvre des erst 39-Jährigen: Zwei Martin-Suter-Verfilmungen (der Kinofilm «Lila, Lila» und die TV-Produktion «Der letzte Weynfeldt»), das Dokudrama «Akte Grüninger» und der Kinderhit «S chliine Gspängst».

    • Heidi füttert auf einer Bergwiese eine Geiss. Noch trägt das Naturmädchen eine Langhaarfrisur. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Lange dunkle Haare und keine zehn Jahre alt: «Heidi»-Darstellerin Anuk Steffen bei Drehbeginn. Walt Disney

      Fakten, die man wissen sollte

      Fällt der Name «Heidi», denkt die Mehrheit der Einheimischen an den Schweizer Schwarzweiss-Kinoklassiker von Luigi Comencini. Doch schon ein flüchtiger Blick über die Grenzen macht klar: Heidi ist nicht nur bei uns eine Ikone. Das Bündner Naturmädchen ist ein international gefeierter Superstar. In den USA füllte Johanna Spyris unverwüstliche Heldin schon in der Stummfilmzeit die Kassen. Danach hinterliessen aus globaler Sicht vor allem die Hollywood-Produktion mit Shirley Temple und die japanische Trickfilm-Serie von Isao Takahata bleibende Spuren. Inzwischen wissen in der Schweiz die meisten um Heidis grosse Popularität in Amerika und Fernost. Weniger bekannt ist dagegen ihr Erfolg in der muslimischen Welt: In der Türkei nennt sich das Waisenkind beispielsweise «Haydi» und gehört zum Kanon der wichtigsten Kinderbücher.

    • Heidi (Anuk Steffen) rennt mit einer Geiss an der Leine der Kamera entgegen. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Meh Dräck! Die neue Heidi-Verfilmung ist realistischer und dramatischer als ihre Vorläufer. Walt Disney

      Das Urteil

      Für einen Familienfilm ist «Heidi» ziemlich heftig. Punkto Dramatik gleicht die gelungene Romanverfilmung eher einem ausgewachsenen Drama als einem kindlichen Rührstück. Regisseur Alain Gsponer zeigt starke Kontraste: Arm und Reich, Natur und Kultur, Enge und Freiheit. Patriotische Schönfärberei war gestern. Das neue Heidi kommt natürlich frisch und ungewaschen daher. Die Churerin Anuk Steffen ist als unerschrockener Wildfang wie geschaffen für diese Rolle. Gute Voraussetzungen, um dem «Schellen-Ursli», dem bisher erfolgreichsten Schweizer Film des Jahres, die Stirn zu bieten. Dessen einfache Botschaft lautete: Je grösser die Glocke, desto grösser das soziale Prestige. Die Moral von «Heidi» ist ähnlich trivial: Je mehr Natur, desto mehr Lebensfreude. Bei beiden Filmen ist es nicht die Botschaft, die begeistert. Sondern die grosse Sorgfalt, mit der zwei Schweizer Mythen in ein zeitgemässes Kinovergnügen verwandelt wurden.

Kinostart: 10.12.2015

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der Heidi-Hype

    Aus 10vor10 vom 3.12.2015

    Vor fast 140 Jahren schrieb Johanna Spyri das Buch um das aufgestellte Mädchen Heidi. Es ist heute eines der meistverkauften Bücher, das bereits einige Male verfilmt wurde. Nächste Woche kommt der neuste Heidi-Film in die Kinos. Weshalb hält der Heidi-Hype immer noch an?