Filmfestival FIFF Nepal arbeitet seine Geschichte auf – auch im Film

Zehn Jahre Bürgerkrieg, ein verheerendes Erdbeben im Jahr 2016: Nepal muss viel aufarbeiten. Die Filme am «FIFF» zeigen, wie das gebeutelte Land aus den Krisen herausfinden möchte. Ein Mittel ist Zivilcourage.

Zwei Frauen: Eine im T-Shirt, eine im traditionellen Gewand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In «White Sun» muss eine zerstrittene Familie den Vater beerdigen. trigon-film

  • Nepal hat viele Krisen hinter sich: Bürgerkrieg und Naturkatastrophen. Seit zehn Jahren versucht das Land, eine friedliche Republik zu werden.
  • Der nepalesische Regisseur Deepak Rauniyar benutzt eine Familiengeschichte als Metapher, um die politische Situation in Nepal zu beschreiben.
  • Die kanadisch-schweizerische Filmemacherin Léa Pool sieht eine Chance des Landes in der «eigentümlichen Mischung aus Fatalismus und Solidarität, die das dortige Leben kennzeichnet.»

Ein abgelegenes Dorf in den nepalesischen Bergen. Im Estrich eines Hauses liegt eine Leiche, der Vater ist tot. Es wäre nicht weiter schwierig, den Verstorbenen ins Erdgeschoss zu tragen und durch die Haustür ins Freie zu verlagern.

Doch die Tradition will es anders: Weil der Vater direkt unter dem Dach starb, muss sein toter Körper nun auch durch die Dachluke das Haus verlassen. Bloss: Das Fenster ist zu klein.

Ein Sinnbild für die Situation im Landes

Diese makabre, nicht ganz humorlose Szene eröffnet den nepalesischen Spielfilm «White Sun», der am FIFF zu sehen ist. Der junge Autor und Regisseur Deepak Rauniyar erklärt sich im Interview:

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«Der tote Vater steht am Anfang, weil er den Stein eines Familiendramas ins Rollen bringt: Seine Nachfahren werden sich gemeinsam an einen Tisch setzen müssen, obwohl sie politisch und persönlich verfeindet sind. Zudem ist die Leiche des Vaters eine Metapher für das alte Regime, das jetzt endlich einer neuen Regierungsform weichen muss.»

Der lange Weg in den Frieden

Die politischen Verhältnisse Nepals, auf die sich Rauniyar bezieht, sind komplex. Im Zentrum der Ereignisse steht ein blutiger, zehnjähriger Bürgerkrieg zwischen maoistischen Rebellen und den Verfechtern der Monarchie, der vor über zwanzig Jahren begann, und der bis heute seine Spuren hinterlässt.

Rauniyar beschreibt die Gegenwart: «Seit zehn Jahren sind wir nun eine Republik. Aber die Friedensverhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Lektionen aus dem Krieg müssen wir erst noch ziehen, und zu dieser Diskussion möchte ich mit meinem Film beitragen.»

Wenn der Staat versagt hilft Zivilcourage

Nepals steiniger Weg zurück in die Normalität wurde im letzten Jahr ruckartig ausgebremst durch eine Naturkatastrophe: Ein folgenschweres Erdbeben nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu forderte im April und im Mai 2015 Tausende von Menschenleben.

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FIFF

Das Internationale Filmfestival Freiburg findet bis zum 8. April statt. «White Sun» und «Double peine» kommen beide am 13. April schweizweit in die Kinos.

Die immer noch von Zwiespalt geschwächte Regierung bewältigte die Notlage nur mit Mühe, und erneut war der soziale Zusammenhalt gefährdet. Aber in vielen Fällen taten die Einwohner Nepals auch das, was man eben tut, wenn einem von staatlicher Seite nicht genügend geholfen wird: Man hilft sich untereinander.

Kanadisch-schweizerischer Blick auf Nepal

Auf eine derartige Form von gegenseitiger Unterstützung stiess auch die kanadisch-schweizerische Dokumentarfilmerin Léa Pool bei den Dreharbeiten für ihren neuen Dokumentarfilm «Double peine», der sich um die Betreuung von Kindern dreht, deren Mütter kürzere oder längere Gefängnisstrafen absitzen. Das erste Segment ihres Films, der ebenfalls für das FIFF selektioniert wurde, spielt in Nepal. Und das ist kein Zufall.

Frau umamrt ein Kind und weint. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Double peine» erzählt über die Schwierigkeit loszulassen. filmcoopi

«Der Grund für den Drehort Nepal war eine Frau, auf die ich aufmerksam wurde: Sie betreibt dort mit vollem Einsatz ein Heim für Kinder, deren Mütter aus welchen Gründen auch immer inhaftiert sind. Sie selbst stammt aus ärmlichen Verhältnissen, und daher hat sie heute eine ganz natürliche Art, dort auszuhelfen, wo Probleme auftreten.»

Fatalismus und Solidarität

Ist das typisch für Nepal? «Wir haben während der Dreharbeiten durchaus zu spüren bekommen, dass immer noch Konflikte in Gang sind», erzählt Léa Pool. «Aber man begegnet vor allem Menschen, die viel durchgemacht haben, und die zum Teil gemeinsam daran gewachsen sind. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Fatalismus und Solidarität, die das dortige Leben kennzeichnet.» Eine Kombination, die dieses Land hoffentlich in eine bessere Zukunft führen wird.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 5.4.2017, 17.15 Uhr.