Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Neu im Kino «Sonderfall»: Die grosse Frage eines kleinen Landes

Sag, Schweizer, wie hast du’s mit der Neutralität? Ein Westschweizer Dokumentarfilm sucht humorvoll nach Antworten.

Bis im kommenden Herbst die Neutralitätsinitiative vors Volk kommt, werden hierzulande noch einige Debatten über die Neutralität geführt. Diese Diskussionen sind so alt wie die Neutralität selbst, also gut 200 Jahre.

So wichtig der Schweiz ihre Neutralität ist, so unklar ist, was diese Neutralität genau bedeutet. Eindeutig ist nur: Die Schweizer Neutralität ist immerwährend und bewaffnet. Fast alles andere ist Auslegungssache und muss immer wieder neu verhandelt werden.

Verloren in Marignano

Der Westschweizer Dokumentarfilm «Sonderfall» will nun endlich Klarheit schaffen und die grossen Fragen beantworten. Regisseur Stéphane Goël schickt im Film den Journalisten Mehdi Atmani überall dorthin, wo die Schweizer Neutralität eine Rolle spielt: in eine Armeekaserne, ins Bundeshaus, zur Nato oder zur Tagung der Organisation «Pro Schweiz», die hinter der Neutralitätsinitiative steht.

Person in gestreiftem Hemd betrachtet Miniaturstadt mit Uhrturm.
Legende: Der genaue Blick auf die kleine Schweiz: Mehdi Atmani auf Spurensuche im Freilichtmuseum Swissminiatur in Melide. Filmcoopi

Der Film beginnt im einstigen Marignano, wo der Legende nach die Schweizer Neutralität ihren Ursprung hat. Hier erfuhren die Eidgenossenschaft vor 500 Jahren eine empfindliche Niederlage und entschied sich in der Folge, sich aus dem Söldnerwesen zurückzuziehen.

Hier stolpert nun Mehdi Atmani über ein trostloses Feld, ohne der Schweizer Neutralität auf die Spur zu kommen. Denn sie ist schwer zu fassen. Im Gespräch über die Neutralität spricht jede von etwas anderem. Das ist Fluch und Segen zugleich für diesen Film, der sich auf den verschlungenen Pfaden der Wahrheitsfindung gerne an seltsame Orte führen lässt.

Gute Stimmung auf der Rüstungsmesse

So landet Atmani zum Beispiel in einem einstigen Reduit-Bunker, den ein gewiefter Unternehmer zu einem Luxushotel umgebaut hat, nur um feststellen zu müssen, dass Hotelgäste nur ungern in Bunkern absteigen. Aus solchen Begegnungen gewinnt «Sonderfall» nicht immer Erkenntnis, aber stets viel Humor.

Von entwaffnendem Humor ist auch der Besuch einer internationalen Rüstungsmesse in Paris. Hier herrscht angesichts der unsicheren Weltlage Goldgräberstimmung, von der die Schweizer Rüstungsindustrie nur auf Umwegen profitieren kann. Hier kommt der Film schliesslich zu seiner Kernfrage: Wie soll die Schweizer Neutralität angesichts der Kriege in der Ukraine und in Nahost interpretiert werden?

Der Film ist nicht neutral

Stéphane Goël kommt in seinem Film zu einer klaren Antwort: Die Schweiz profitiere von ihrer Neutralität und stehe deshalb in der Pflicht, einen Beitrag zu weltweiten Friedensbemühungen zu leisten.

Mit diesem Fazit ist «Sonderfall» alles andere als neutral, sondern bezieht klar Position. Das macht den Film streitbar – und genau damit erreicht er sein Ziel, die immerwährende Schweizer Neutralitätsdebatte einmal mehr neu zu lancieren.

Diskutieren Sie mit:

SRF 1, Tagesschau, 4.6.2026, 19:30 Uhr.

Meistgelesene Artikel