Gut unterwegs Wort des Vertrauens: Filmkritik in Zeiten des Internets

Das Internet hat die Filmkritik verändert – aber nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil: SRF-Filmredaktor Michael Sennhauser über die Entwicklung seiner Leidenschaft in 30 Jahren Berufsleben.

Multiplexkino: Zuschauer schauen auf die Leinwand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit Jahrzehnten geht Michael Sennhauser ins Kino, um darüber zu schreiben. Die ungestüme Begeisterung ist geblieben. Imago/Becker&Bredel

Das Heft hiess bei uns zuhause die «Radiozeitung», auch wenn es vor allem dem Fernsehprogramm gewidmet war. Denn wir hatten keinen Fernseher. Hinten im Heft gab es Filmkritiken. Von zwei Männern, die offenbar auch hin und wieder am Fernsehen Kinofilme vorstellten.

Zehn Jahre später begann ich, Filmkritiken für die Lokalzeitung zu schreiben. Ein später Fellini war mein Gesellenstück, ein früher Luc Besson mein erstes Plädoyer, das zeigen sollte, warum brutales Action-Kino Kunst war und ins Feuilleton gehörte.

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Der Autor

SRF-Filmredaktor Michael Sennhauser

SRF/Merly Knörle

Michael Sennhauser ist SRF-Filmredaktor und betreibt Sennhausers Filmblog. 2016 wurde er mit dem Greulich Kulturpreis ausgezeichnet.

Die Anfänge

Der Kulturchef der Zeitung liess mir freie Hand und ich schwurbelte wild drauf los. Dass auch verstiegene Texte ihr Publikum fanden, lag wohl vor allem an meiner ungestümen Begeisterung für die ganze Bandbreite des Kinos.

Und die ist vielleicht die einzige Konstante. Denn in den Jahren danach, auf meinem Weg von der Lokalzeitung über die Schweizer Film-Branchen-Zeitschrift, die Sonntags-Zeitung, das Monatsheft FILM bis zum Radio hat sich alles verändert.

Das Internet

Ich begann meine Journalisten-Laufbahn mit dem aufkommenden Internet. Ich erlebte hautnah mit, wie die Filmindustrie das Netz zu nutzen begann, um sich von der Kritik zu emanzipieren.

Webseiten für Filme wurden eingerichtet, Col Needham erfand die IMDb, und mein Studienfreund und ich hörten auf, die Karteikärtchen der Filmzeitschrift «Zoom» akribisch in unsere eigene Atari-Datenbank zu tippen.

Die Blogger

Erste US-Kritiker wie Roger Ebert von der Chicago Sun-Times stellten ihre Filmbesprechungen online. Jeder grössere Filmstart wurde bald von einer online-Webkampagne begleitet. Und schliesslich kamen mit der Verbreitung des Breitband-Anschlusses Kanäle wie YouTube und «exklusive» Deals der Promotoren, welche den vielen Bloggern Clips und Vorab-Material übergaben – mithin die fast unauflösbare Symbiose von PR, Fankultur und Filmkritik.

Aber natürlich entpuppte sich das Web nicht nur als grosse Emanzipationsmaschine für die Filmproduzenten beim Ausbooten der klassischen Filmkritik, sondern auch als Chance für alle Filmfreunde und Innovatoren. Und – wie zehn Jahre früher für die Musik-Industrie – als Piraterie-Alptraum für die Produzenten.

Alles fliesst zusammen

Heute stecken wir mitten in der «Konvergenz», dem Zusammenfliessen aller publizistischen Kanäle und Ausdrucksformen über alle nur denkbaren Kanäle. Als Radiojournalist verbreite ich meine Audiobeiträge via Podcast, ich schreibe im eigenen Blog und auf der Kultur-Webseite, auf der Sie mich eben lesen. Ich tauche in Videoclips auf der Facebookseite von SRF Kultur auf oder als Experte in Fernsehbeiträgen.

Meine Kolleginnen und Kollegen von der Online-Filmredaktion entwickeln neue Web- und TV-Formate, Mischformen von Texten und Video. Die grösste Herausforderung des Webs besteht allerdings auch in seinem grössten Potential.

Wer sucht, der findet

Für jede Liebhaberin noch so spezieller Film-Genres finden sich spezialisierte Webseiten. Vom Stummfilm bis zum Slasher-Porno, von der Sammlung aller «Final Girls» bis zu spezialisierten Blooper- und Outtake-Sammlungen gibt es nichts mehr, was nicht zu finden wäre. Sofern man bereit ist, sich auf andere Sprachen und allenfalls Filmkulturen einzulassen.

Ganz abgesehen von all den Archiven, Piraterie-Seiten, wissenschaftlichen Sammlungen, Foren und Begegnungsorten zum noch so nerdigen Austausch: Wer sucht, der findet.

Macht der Gewohnheit

Was fehlt, ist die Instanz des Vertrauens. Der Ort, an dem der Kanon gefestigt und verkündet wird. Portale wie der Kritik-Aggregator Rotten Tomatoes versuchen es mit quantitativer Richtungsweisung. Das «Zentralorgan» IMDb unterscheidet zwischen internen User-Kommentaren und externen «Kritiker»-Links, die Wikipedia-Einträge zu einzelnen Filmen verfahren ähnlich.

Und hier sind wir dann eben als Kritiker-Persönlichkeiten doch wieder gefordert. Ein Vertrauensverhältnis entsteht nach wie vor aufgrund der Gewohnheiten. Und letztlich sucht sich jeder und jede eine Lieblings-Anlegestelle auch im Web.

Denn die klassische Gewissheit bleibt: Wenn der Sennhauser einen Film lobt, kann ich ihn mir sparen. Oder umgekehrt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 7.3.2017, 9.02 Uhr.

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