In einer kleinen Werkstatt in Parsonz dreht sich alles um Zahnräder, Zeiger und um Geduld. Mario Scarpatetti repariert mechanische Uhren im Haus seiner Urgrosseltern, das er mit seinen Ersparnissen umgebaut hat. Das Inventar liest sich wie ein Museum: antike Möbel, schwarzweisse Familienbilder, alte Wanduhren. Darunter ein handgeschmiedetes Turmwerk aus dem 17. Jahrhundert, das sich noch immer aufziehen lässt und dann einfach läuft – als wäre die Zeit hier nie stehengeblieben.
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Bild 1 von 8. Konzentration ist alles: Mario Scarpatetti bei der Arbeit an einem Uhrwerk. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 8. Parsonz im Kanton Graubünden: Hier hat Mario Scarpatetti seine Werkstatt eröffnet. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 8. Das Haus der Urgrosseltern: Heute trägt es den Schriftzug «Uhrmacher». Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 8. Millimeterarbeit: Ein verlorenes Teilchen bedeutet oftmals eine Suche auf allen Vieren. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 8. Das Interieur der Werkstatt gleicht einem Museum, wo jedes Stück eine Geschichte hat. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 8. Alte Uhren, warmes Licht, Holztäferung: die Werkstatt ist auch ein Stück Familiengeschichte. Bildquelle: SRF.
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Bild 7 von 8. Ein Uhrwerk und handgezeichnete Skizzen. Präzision beginnt auf dem Papier. Bildquelle: SRF.
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Bild 8 von 8. Mario Scarpatetti hat seinen Traum in Parsonz verwirklicht. Und das trotz anfänglicher Skepsis im Dorf. Bildquelle: SRF.
Mario Scarpatetti ging seinen Weg. Dass er eines Tages Uhrmacher werden würde, stand für ihn früh fest. Als Kind sammelte er alte Wecker, schraubte sie auseinander und versuchte geduldig, sie wieder zusammenzusetzen. «Die meisten sind dabei natürlich kaputtgegangen», sagt der 34-Jährige. Den Traum liess er sich trotzdem nicht nehmen: «Wenn ich gross bin, werde ich Uhrmacher. Das war immer klar für mich.»
Ein Beruf, der im Berggebiet kaum existiert
Der Weg dorthin war alles andere als selbstverständlich. Uhrmacher-Lehrstellen gibt es in der Schweiz fast ausschliesslich im Jurabogen zwischen Genf und Schaffhausen. Graubünden kommt auf der «Berufs-Landkarte» kaum vor. Und als Scarpatetti seine Werkstatt in Parsonz eröffnete, hielten viele im Dorf wenig davon. «Die meisten haben den Kopf geschüttelt und gefunden: Das klappt ja eh nie», erinnert er sich.
Finanzielle Unterstützung fand er bei der Schweizer Berghilfe, die seit 1943 Projekte im Berggebiet fördert und damit Regionen lebendig halten will, die sonst an Attraktivität verlieren würden. Bei der Werkstatt fehlten zu Beginn für gewisse Arbeitsschritte noch Technik und das Geld dafür. Heute sagen dieselben skeptischen Stimmen im Dorf: «Es ist schön, dass das so gut funktioniert.»
Abgelegen, aber gut besucht
Dieser Wandel kommt nicht von ungefähr. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, warum: Handwerksberufe machen laut Bundesamt für Statistik heute nur noch rund zehn Prozent der Erwerbstätigen aus. 1970 waren es noch 25 Prozent. Umso mehr fällt auf, was Scarpatetti in Parsonz aufgebaut hat. Seine Kundschaft ist bunt: jung, alt, Sammler, aber auch Menschen, die Uhren von Angehörigen geerbt haben und sie wieder zum Laufen bringen wollen.
Die abgelegene Lage hoch im Hang tut dem Geschäft keinen Abbruch – im Gegenteil. «Die meisten Leute kommen extra vorbei», sagt Scarpatetti. Und er selbst reist durch die ganze Schweiz, wenn es um grössere Stücke geht.
Der Alltag in der Werkstatt verlangt absolute Konzentration und Fingerspitzengefühl. Verliert Scarpatetti ein winziges Teilchen, was in diesem Beruf schnell passieren kann, gibt es nur eine Lösung: «Auf den Boden gehen und alles zusammenwischen, bis ich es gefunden habe. Meistens findet man es wieder. In ganz, ganz seltenen Fällen nicht mehr.» Neben der Reparatur stellt er auch eigene Uhren her, in kleinstmöglicher Stückzahl. Eines seiner Modelle existiert genau elfmal. Der Preis: 19'500 Franken.
Was einmal mit alten Weckern auf dem Boden eines Bauernhauses begann, hat in Parsonz eine unerwartete Heimat gefunden – und eine Zukunft.