Mit schicker Mode gegen Totalüberwachung

In New York, Tokio und auch in der Schweiz haben Designer den Kampf gegen die Überwachung aufgenommen. Mit Mode und Make-up wehren sie sich gegen Maschinen, die schnüffeln.

Die Privatsphäre schwindet, im Shoppingcenter wie im Internet. Sei es durch Überwachungskameras, die für Sicherheit sorgen, oder durch Datenauswertung, die zielgenau Kaufkräftige finden soll. Gegen diese hässliche Wahrheit führt die Designerin Simone Niquille einen stylischen Kampf. Wie auch andere Designer, Künstler und Forscher ist sie davon überzeugt: Kleider können vor Überwachung schützen.

Klare Botschaft: Ich gehöre mir

Eine junge Frau vor weissem Hintergrund ist auf einem Foto mit einem Wasserzeichen zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Face Value»: Die Schweizer Designerin Simone Niquille mit Wasserzeichen. Simone Niquille

«Mein Schaffen soll bewusst machen, was es heisst, mit diesen Technologien zu leben», sagt die Schweizerin, die derzeit in Italien arbeitet. Sie bedruckt T-Shirts mit vielen Gesichtern und überlistet so Gesichtserkennungsalgorithmen in Kameras. Oder sie zeigt in ihrer Arbeit «Face Value», dass Kontaktlinsen gegen Irisscanner schützen. Ein Puder, das für das menschliche Auge unsichtbar ist, wird auf Fotos zu einem Wasserzeichen für das eigene Gesicht.

Die Nachricht an den Fotografen ist eindeutig: Mein Gesicht gehört mir! Die Kontrolle über das Selbst beschäftigt Künstler wie Niquille. Denn Schutz ist nicht mehr gleich Schutz. Er hat sich durch die neuen Technologien verändert. Wie auch das Experiment eines Hackers zeigt.

Wenn der Schutz zur Überwachung wird

Die schützende Hand vor dem Gesicht: Sie ist wohl ein universelles Zeichen für den Wunsch nach Privatsphäre. Doch wenn man die Hand in Richtung einer aufdringlichen Kameralinse streckt, dürfte man mehr preisgeben, als man ursprünglich versteckt: den Fingerabdruck nämlich.

In der Londoner «Tate»-Galerie ist ein Foto von Mick Jagger zu sehen, in dem er schützend seine Hand vors Gesicht hält. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Foto von Richard Hamilton: Die Hand von Mick Jagger würde heute nicht mehr schützen. Ganz im Gegenteil. Reuters

Ein hochaufgelöstes Foto der Hand kann nämlich dazu genutzt werden, die Identität zu stehlen. Das hat Hacker Jan Krissler an einer Veranstaltung des Chaos Computer Club Ende vergangenen Jahres demonstriert, am Beispiel der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Es scheint also eindeutig: Wir brauchen neue Methoden, uns gegen Überwachung zu schützen. An Kleidern zum Schutz mangelt es dabei nicht.

Handy-Hüllen gegen Überwachung und Kapuzen gegen Drohnen

Adam Harvey ist wohl der berühmteste der Anti-Überwachungs-Designer. Der New Yorker Designer führt den «Privacy Gift Shop». Produkte, die früher hauptsächlich Paranoide angesprochen hätten, werden hier hip. Bei seiner «Off Pocket» handelt es sich um eine Smartphone-Hülle, die Funksignale stoppt. Journalisten, Aktivisten und andere Privatsphäre-Bewusste können so nicht mehr verfolgt werden – oder erschweren eine Überwachung zumindest massiv.

Ausserdem hat der Designer die «Stealth Wear»-Kollektion mit Anti-Drohnen-Kleidern aus einem Metall gemacht, das die Trägerin auf den Bildern einer Wärmekamera unsichtbar macht. Kommt noch dazu, dass sie todschick sind. Das meiste ist bereits ausverkauft.

Produkte gegen Big Brother boomen

Auch das Modelabel The Affair von Gründer Zoltan Csaki will mit Sicherheit punkten. Die Kollektion «1984» nimmt nicht nur mit dem Namen Bezug auf den Überwachungs-Klassiker von George Orwell, sondern schützt gegen den Big Brother, den der Schriftsteller erdacht hat.

Jedem Hemd, jeder Hose und jedem Anzug lässt sich eine Tasche anstecken, in der ein Smartphone vor jeglichen Übertragungen abgeschirmt sein soll. «UnPocket» nennt sich das Ding und ist für die «Post-Snowden-Realität gedacht», wie es in der Werbung heisst. Damit hat Adam Harveys «OFF Pocket» also bereits Konkurrenz.

Die Anti-Google Brille und etwas Tarnung

Ein weiteres spannendes Konzept ist ebenfalls auf dem Weg zum Produkt. Erfunden hat es der japanische IT-Forscher Isao Echizen. Zusammen mit grossen Brillenherstellern der japanischen Stadt Sabae hat er einen Prototypen seines «Privacy Visors» hergestellt.

Die futuristisch anmutende Brille wirft an strategisch platzierten Stellen auf der Brille Lichter zurück und macht Gesichter so für Algorithmen unkenntlich. Schon bald solle sie zum Preis einer herkömmlichen Designer-Brille verkauft werden, sagt Echizen.

Algorithmen sind mittlerweile fast so gut wie das menschliche Hirn darin geworden, Gesichter zu erkennen. Doch man kann sie recht gut austricksen, indem man Schlüsselpunkte im Gesicht unkenntlich macht. Dahinter steckt die Idee eines Anti-Gesichtserkennungs-Make-up, das sich online mittlerweile weit verbreitet hat.

Signal an die Politik

Eine junge Frau trägt ihre Haare zur Hälfte im Gesicht, ihre Augenbrauen sind rosarot geschminkt, ebenso ein grosser Bereich um ihre Lippen. Auf ihre sichtbare Wange ist eine schwarze Lippe gemalt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Verstärkte Asymmetrie und das Verstecken natürlicher Merkmale überlistet Algorithmen. Lauren Thurman-King

«Solche Mode und Methoden werden wir vermehrt sehen», sagt Designerin Niquille. Dazu könnte auch der «Surveillance Trend Report», die Adam Harvey bald veröffentlichen will, beitragen. Dieser soll die neuesten Trends der Überwachung als Anleitung für Designer enthalten. Das Ziel: Designer sollen ihre Nähmaschinen anwerfen und entsprechende Mode gegen die neuen Methoden designen.

Doch nicht alle sind von Potenzial der Anti-Schnüffelmode überzeugt. Der deutsche Privatsphäre-Aktivist Padeluun – er tritt nur unter seinem Pseudonym auf – glaubt, dass diese vor allem eines ist: Protest. «Das ist ein Signal an die Politik», sagt er. Nur Gesetze können die Probleme mit der Überwachung lösen – auch mit noch so smarter Mode und Make-Up entkomme man ihr nicht.

Doch während die Tech-Giganten wie Google und Apple bereits Brillen, Kontaktlinsen und Uhren herstellen, die noch mehr Daten senden und sammeln wollen, macht die Gegenbewegung Hoffnung. Zumindest geben sie uns ein winziges Stück der Kontrolle über unsere Privatsphäre zurück. Denn, in den Worten des New Yorker Designers Adam Harvey: «Die Privatsphäre ist nicht tot. Aber die Naivität.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.03.2015, 17:50 Uhr