Philosoph Hilary Putnam, der Ideengeber der Matrix, ist tot

Eine gewichtige, philosophische Stimme ist verstummt: Der US-amerikanische Philosoph Hilary Putnam ist 89-jährig gestorben. Sein Gedankenexperiment «Hirn im Tank» machte ihn auch ausserhalb der akademischen Philosophie berühmt.

Porträt von Putnam. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Putnam inspirierte Philosophen, kämpfte in den 1960er- und 70er-Jahren aber auch gegen den Vietnamkrieg. Wikimedia

Hilary Putnam gehörte in der akademischen Philosophie, wie das britische Prospect Magazine in seinem Nachruf zurecht schreibt, zu den wahren Giganten. Der emeritierte Professor der Harvard University hat zur Philosophie des Geistes, zu Wissenschaftsphilosophie und zur Sprachphilosophie bahnbrechende Impulse geliefert.

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«Hirn im Tank»

Zeichnung eines Hirns im Tank.

srf

Das Gedankenexperiment «Hirn im Tank» von Hilary Putnam fragt, ob unser Leben möglicherweise nur eine Illusion ist. Da bewusstes Erleben durch Vorgänge im Gehirn erzeugt wird, könnte uns Realität mit entsprechender Hirnstimulation vorgegaukelt werden.

Seine Arbeit hat unzählige Philosophen inspiriert. Zu seinen Weggefährten gehörten unter anderem Richard Rorty, Stanley Cavell und Noam Chomsky. Wie letzterer engagierte sich Putnam in den 1960er- und 70er-Jahren gegen den Vietnamkrieg.

Wie echt ist die Wirklichkeit?

Ausserhalb des akademischen Betriebs ist Putnam vor allem mit seinem Gedankenexperiment «Hirn im Tank» berühmt geworden, das auch SRF Kultur in die Reihe Filosofix – Philosophie animiert aufgenommen hat.

Putnam stellt in diesem Experiment die Frage, ob es sein könnte, dass wir uns über die Echtheit der uns umgebenden Welt täuschen und in Wahrheit bloss Gehirne sind, die in Nährlösung schwimmen und via Computersimulation eine täuschend echte Wirklichkeit vorgegaukelt erhalten. Das Experiment war auch eine Inspirationsquelle für die Film-Trilogie «Matrix».

Fakten und Werte

Philosophische Berühmtheit erlangte Putnam auch mit seiner These, dass Tatsachen und Werte keine getrennten Sphären sind. Damit greift er einen wissenschaftsphilosophischen Grundsatz an, der unmittelbar einleuchtet: «3+3=6» ist nun einmal eine andere Aussage als «Dein Pulli ist hässlich.» Wer das bestreitet, vertritt einen naiven Relativismus, dem auch Putnam nicht aufsitzt.

Doch wies er immer wieder darauf hin, dass Fakten und Werte viel stärker miteinander verwoben seien, als wir meinen und wahrhaben wollen. Deshalb seien philosophische Aussagen über Religion und Kunst auch keine Kategorienfehler, wie zahlreiche Philosophen behauptet haben.

Emotionen wie etwa Ärger könnten nicht allein empirisch beschrieben werden, wie zum Beispiel: Wer wütend ist, wird rot, brüllt herum und ballt seine Fäuste. Wir müssten bereits wissen, wie es sich anfühlt, ärgerlich zu sein, damit wir die entsprechenden Kriterien benennen können.

Yves Bossart über Hilary Putnam

4:51 min, aus Kultur kompakt vom 14.03.2016

Zwillingserden: Wo Wasser nicht Wasser ist

Auch in der Sprachphilosophie hat Putnam wichtige Akzente gesetzt. Unzählige Philosophen haben seine These «Meaning just ain't in the head» («Bedeutungen sind nun mal nicht im Kopf») in ihren Arbeiten zitiert.

Putnam illustriert diese Idee mit dem Gedankenexperiment der «Zwillingserde»: Stellen wir uns vor, der Erdenbewohner René sieht eine Flüssigkeit und nennt sie Wasser. Sein Zwilling Franz, der auf einer Zwillingserde lebt, sieht ebenfalls eine Flüssigkeit, die er als Wasser bezeichnet. Wenn nun aber die Flüssigkeit auf der Zwillingserde gar nicht H2O ist, sondern XYZ, dann meinen René und Franz mit Wasser etwas Unterschiedliches. Wüsste René, dass Franz‘ Wasser, also XYZ, nicht H2O ist, würde er XYZ auch nicht Wasser nennen. Bedeutung entsteht also nicht allein im Kopf, sondern ist von externen Einflüssen abhängig.

Philosophisches Werk mit Bestand

Hilary Putnams «Gehirn im Tank», sein Plädoyer gegen die Trennung von Fakten und Werten und sein Bild der Zwillingserde sind nur einige Elemente seines philosophischen Werkes, die Bestand haben werden.

Die philosophische Community verneigt sich in diesen Tagen vor seinem grossartigen Werk. Und ein Twitterer wünscht Hilary Putnam eine gute Reise zur Zwillingserde.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 14. März 2016, 17.15 Uhr