Andreas Neeser blickt mit Bubenaugen in seine Kindheit

Der Aargauer Autor Andreas Neeser blickt mit seinen neuen Mundart-Kurzgeschichten «S wird nümme wies nie gsi isch» zurück in seine Bubenzeit in den 1970er-Jahren. Seine Erinnerungen an die beengende Nestwärme eines Dorfes im Schweizer Mitteland geraten ihm dabei zu veritabler Literatur.

Andreas Neeser, mit weissem Hemd und dunklem Schal, blickt mit aufgestütztem Kopf in die Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia hat Andreas Neeser für sein neues Buch einen Werkbeitrag 2014 zugesprochen. Ayse Yavas

Geschichten aus der «Buebezit» haben in der Mundartliteratur seit jeher Konjunktur. Selten entsteht dabei aber ambitionierte Literatur. Den meisten Laien-Autoren, die Mundart schreiben, steht das oft verklärende Nacherzählen der Vergangenheit im Vordergrund. Eine Prise Wehmut würzt auch Andreas Neesers Geschichten vom Heimatdorf und von seinen Kindheitserinnerungen.

Aber Andreas Neeser ist Berufsliterat. Anfang 2014 ist sein neuster (schriftdeutsch verfasster) Roman «Zwischen zwei Wassern» erschienen. Es ist der starke, berührende Bericht eines Mannes, der den Tod seiner Freundin überwinden muss und will. Nun blickt er mit den Mundart-Kurzgeschichten «S wird nümme wies nie gsi isch» zurück in seine Bubenzeit.

Zurückwerfen auf uns selber

Der gestaltende, sprachgewandte Autor ist auch in den Mundartgeschichten stets spürbar. Neeser reduziert seine Geschichten auf das Wesentliche, die Sätze passen genau. Und er lässt erzählerische Lücken offen, die manchmal fast schmerzhaft gross sind. Etwa als der Sohn nach einem Ski-Tag im Nebel Todesängste durchmachte: Der Vater verpasst mit den zwei Söhnen fast das letzte Bähnli, der Sohn muss alleine durch den Nebel vorauseilen.

Endlich im Zug ist es still zwischen den Dreien. «De het mi de Vatter aagluegt und öppis gseit, won i miner Läbtig nümme werd vergässe.» Nur, wir Lesenden erfahren nicht, was Vater sagte. Wir werden auf uns selber zurückgeworfen: Was hätte mein Vater gesagt? «Hesch wäge dämm bitzeli Näbel Schiss gha?» oder doch «Das hesch guet gmacht, wien e Grosse!»

Schöne und schreckliche Dorfwelt

Dorforiginale, Aussenseiter und Polterer bevölkern Neesers Geschichten aus den 1970er-Jahren. Dorfklatsch und Schulenttäuschungen, Haustiertragödien und klassische Bubenstreiche werden aufgerollt. Mit dem unverstellten Blick des Kindes. Der Zwiespalt dieser Erinnerungen steckt schon im Buchtitel «S wird nümme wies nie gsi isch»: Die Bubenzeit war nicht so idyllisch, wie die Erinnerung es gerne haben möchte. Und doch war es früher irgendwie besser, einfacher, richtiger. Weil die Verhältnisse aus kindlicher Sicht selbstverständlich waren.

Neeser schreibt meisterhaft in diesem Widerspruch und in einer wunderbaren Sprache. Die Mundart des Aargauer Mittellandes eignet sich gut für Literatur, weil sie eine Art Kompromissmundart zwischen Zürich und Bern ist. Dadurch dürfte sie einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer leicht verständlich sein. Andreas Neeser trifft den Klang der Mündlichkeit präzise und reichert ihn gezielt mit Spezialausdrücken an. Das Glossar im Buch erläutert zum Beispiel, dass «e Mauggere» ein griesgrämiges Gesicht ist und «starregangs» schnurstracks meint.

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Buchhinweis

Andreas Neeser: «S wird nümme wies nie gsi isch», Zytglogge-Verlag 2014.

Warum bringen sich alle am Sonntag um?

Der häufigste Gast in seinen Geschichten ist der Tod. Grossvater metzget eine Handvoll der geliebten «Chüngel». Vom «Chinderwage-Miggi» erzählt man, sie habe ihr Kind verloren und dabei auch gleich den Verstand. Deshalb schiebe sie seither einen leeren Kinderwagen durchs Dorf. Eine Familie zügelt weg, weil sie das Martinshorn des Krankenwagens nicht mehr erträgt, seit die Tochter tödlich verunfallte.

Vorsichtig, unaufdringlich schlüpft Neeser dabei in die Bubenperspektive: Etwa, wenn wieder einer «de Blind gno het» oder «zum Hindertüürli uus isch», wie alle verhüllend munkeln. Beim Hochueli, im Haus hinter der Schmitte, «heigs emel keis Hindertüürli», meint der verwirrte Bub. Nachdem er begriffen hat, dass dieser Ausdruck den Freitod meint, treibt ihn die Frage um: Warum machen die das immer am Sonntag? «Vilicht händ s eifach welle sicher sii, dass de Liebgott au würklich Ziit het, wenn si de chöme». – Es war nie so, wie es nicht mehr wird.

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