Pedro Lenz erzählt, wie Muhammad Ali einst nach Zürich kam

Am zweiten Weihnachtstag 1971 haut Muhammad Ali den deutschen Schwergewichtsmeister Jürgen Blin um. 40 Jahre später erzählt Pedro Lenz seine fiktive Version dieser Geschichte. Dabei kommt Lenz dem Menschen Ali so nahe, dass man die Erzählung gerne glauben will – wenn auch nicht alles stimmen mag.

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Bildlegende: Lenz kommt – abseits des Mythos – dem Menschen Ali so nahe, wie kaum jemand. ZVG / Patricia von Ah

  • Pedro Lenz hat einen teilweise fiktionalen Text über Ali in Zürich geschrieben, der dem Menschen Ali sehr nahe kommt.
  • Für Lenz ist Ali der Erfinder des Rap.
  • «Frauen sind die Schwarzen der Schweiz», heisst es in Lenz' Text.
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Buchhinweis

  • Pedro Lenz: «Tanze wie ne Schmätterling», Cosmos Verlag 2010; als Buch und als Hörbuch

Die Geschichte ist ein paar Jahre alt. Und sie geht so: Pedro Lenz steht mit seinem musikalischen Bühnenpartner Patrik Neuhaus zusammen, das Gespräch kommt auf Ali und Neuhaus fragt: «Weisst du, dass Ali mal in Zürich geboxt hat?» Lenz weiss es nicht, er recherchiert. Danach schreibt er das Bühnenprogramm «Tanze wie ne Schmätterling». Damit touren die Beiden. Seit 2011 liegt es als Hörbuch vor. Es ist grandios.

Muhammad Ali bei seiner Ankunft 1971 in Kloten mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Muhammad Ali bei seiner Ankunft 1971 in Kloten mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm. Keystone

Ali, die Coiffeuse und der Abwart

Am 30. November 1971 landet Muhammad Ali in Kloten. Seine kleine Tochter in den Armen geht er über das Rollfeld. Er trainiert öffentlich. Alis PR-Maschine läuft wie geschmiert. Von seinem deutschen Gegner Jürgen Blin nimmt kaum jemand Notiz. In der siebten Runde geht Blin zum ersten Mal in seiner Laufbahn auf die Bretter. Blin kehrt zurück in seine Heimatstadt Hamburg. Muhammad Ali schreibt weiter Geschichte.

In seiner Version der Geschichte lässt Lenz den grossen Ali zusammentreffen mit zwei erfundenen Figuren: der Coiffeuse Regula und dem Abwart vom Hallenstadium. Beide aus dem Bernischen Oberaargau, in Zürich hängengeblieben, reden sie die Sprache, die auch ihr Autor Lenz spricht.

«Ist der Heiland auch gegen die Schwarzen?»

Lenz Geschichte steigt 1950 ein, mit dem kleinen Cassius, der seinen Vater, der Heiligen- und Madonnenbilder malt, mit Fragen löchert wie: «Du Vater, sag, Vater, warum ist der Heiland immer weiss und blond? Sag, ist der Heiland auch gegen die Schwarzen?»

Lenz versetzt sich in dieses Kind in Louisville, Kentucky und stellt die Fragen, die dieses Kind so oder fast so gestellt haben könnte – in Berndeutsch. Grandios vorgetragen kommt Lenz dem Menschen Ali in aller Fiktionalität wahrscheinlich sehr nah.

Keine grosse Geschichte sondern die Perspektive von unten

Lenz sagt, er habe kein Heldenepos schreiben sondern aus der Perspektive kleiner Leute erzählen wollen. Und so lässt er Ali, als er in Zürich ins Hallenstadion geht, auf den Abwart und die Coiffeuse Regula treffen. Der Abwart begrüsst Ali als ganz normalen Menschen.

Als Ali vor dem Kampf noch einen Haarschnitt will, geht er zu Regula und die beiden kommen ins Gespräch. Weil die Regula vor der Stifti ein halbes Jahr in England war, können sie sich verständigen. Sie fragt Ali, ob er wirklich alle Weissen hasse. Ali sagt, er hasse niemanden.

Er erzählt von zu Hause, wie es ist, ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Und Regula sagt, bei uns gebe es keine Schwarzen aber Frauen, die durften bis vor Kurzem bei uns noch nicht mal wählen. Und Ali sagt: «Dann weisst du, was ich meine.» 1971 sind Frauen die Schwarzen der Schweiz, lässt Lenz seine Figur sagen.

Eine Geschichte aus Kindertagen

Lenz und Ali, das ist auch eine Geschichte aus Kindertagen. Lenz selbst durfte nicht aufbleiben, wenn Ali boxte. Seine Klassenkameraden schon. Die erzählten die Kämpfe, spielten sie nach, tagelang, damals, in Langenthal.

Heute, Jahrzehnte später, sagt Lenz, ist Ali für ihn der Erfinder des Rap, der Spoken-Word-Artist, der Statements in Gedichtform abgab. Der die Schwarzen Amerikas befreite, indem er die Unterwürfigkeit aufgab.

Lenz erzählt, er trage heute manchmal ein T-Shirt, «mit Ali drauf». Von Afrikanern werde er im Zug angesprochen, auf Englisch, Französisch, man komme ins Gespräch. Die verliefen grösstenteils ähnlich und endeten immer damit, dass man ihm zu diesem Shirt gratuliere. Sportlich ist Ali für Lenz der Ästhet, der tanzte statt prügelte.

Ganz zum Schluss

Ali habe diese schwere Krankheit Parkinson «durchgetragen, er konnte ja auch nichts anderes damit machen.» Als er 1996 das olympische Feuer entzündet, hat er diese 400 Schritte, die er gehen sollte, wochenlang geheim geprobt. Es sei sein grösster Sieg gewesen, hat er darüber gesagt. Gesagt.

Sprechen konnte er am Schluss nicht mehr. Das muss schrecklich gewesen sein, wohl für jeden Menschen, aber für ihn wohl mehrfach schlimm. Er hatte nicht nur eine grosse Klappe. Er hatte wirklich etwas zu sagen.

Wir haben hier drei Exemplare des Hörbuchs «Tanze wie ne Schmätterling» an die ersten drei verlost, die uns geschrieben haben. Die Hörbücher sind weg! Gratulation den Glücklichen!