«Vor dem Fest» von Sasa Stanisic ist selbst ein wahres Fest

Der Schriftsteller Sasa Stanisic erschafft mit seinem Roman «Vor dem Fest» das Mosaik einer versunkenen Zeit und schreibt mit seinen Geschichten gegen das Verschwinden eines Dorfes an: mit viel Witz und Schalk.

Eine spärlich beleuchtete Dorfstrasse in der NAcht, zwei Menschen gehen ihr nebeneinander entlang Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Saša Stanišić erzählt die Geschichten einer Nacht im Dorf Fürstenfelde. Reuters

Es ist die Nacht vor dem Annenfest, das man alljährlich in dem kleinen Dorf Fürstenfelde feiert. Das Dorf ist unruhig, irgendetwas geht vor sich. Da ist Anna Geher, die das Dorf eigentlich verlassen will, sie kann nicht schlafen und joggt stattdessen durch die Nacht. Der Rentner Wilfried Schramm «findet mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen» und setzt sich deshalb in sein Auto, mit dem er durch die Nacht rast. Und die alte Malerin Ana Kranz steigt mit Gummistiefeln in den See, um die Nacht auf ihrer Staffelei festzuhalten.

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Bildlegende: Saša Stanišić erhielt für sein Buch den Preis der Leipziger Buchmesse. Keystone

Auf der Suche nach der Vergangenheit

Sie alle sind auf der Suche. Auf der Suche nach der Vergangenheit, nach einem Funken Hoffnung oder nach einer Antwort, was die Zukunft für sie alle bringen mag.

«Vor dem Fest» ist das Mosaik einer versunkenen Zeit. Es sammelt Geschichten, vor allem Lebensgeschichten, aus einem kleinen Dorf in der Uckermark, einer Landschaft in den neuen Bundesländern. Der Autor Saša Stanišić schickt seine Figuren durch das Dorf, das er sich selber erschaffen hat, angelehnt an seine Heimat Bosnien-Herzegowina.

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Buchhinweis:

Saša Stanišić: «Vor dem Fest». Luchterhand, 2014.

Die Zeit scheint aufgehoben, die Kategorien gestern, heute und morgen existieren nicht mehr. Denn auch die Geschichten von einst, aus dem 16. Jahrhundert, aus dem 17. Jahrhundert, aus dem 18. Jahrhundert, leben in Fürstenfelde weiter und werden im Dorfarchiv, dem «Haus der Heimat», gehütet wie ein Schatz. Es sind Geschichten von Wundern oder anderen Merkwürdigkeiten, von Gewalt und Tod, die das Dorf bis heute prägen.

Die Erzählstimme als Chorgesang

Saša Stanišić hat in diesem Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die Jury bezeichnete den Roman als «furiosen Chorgesang in Prosa». Das spielt nicht nur auf die kollektive Erzählstimme des Dorfes an, das «wir», mit dem das Dorf seine Geschichten erzählt. Es schliesst auch den Sprachrhythmus mit ein, die internen Querverweise, die den Roman fast wie eine Partitur erscheinen lassen: Immer wieder blitzt ein Motiv an einer Stelle auf, Stimmen werden lauter und wieder leiser, Geschichten werden ineinander verwoben, mit Anspielungen auf vorher oder später, mit stilistischen Variationen ein- und desselben Motivs.

Das macht den Roman ungewöhnlich dicht. Gleichzeitig steckt in «Vor dem Fest» so viel Poesie, eine so präzise Sprache, so treffsichere Bilder, so viel Witz und Schalk, dass es ein reines Fest ist, dieses Buch zu lesen.

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