15 Jahre mit der Gitarre auf den Strassen Europas

Lila Lisi lebte jahrelang als Strassenmusikerin. Sie wurde von der Polizei verfolgt, hatte keine Krankenversicherung. Doch das Risiko machte ihr nichts aus, sie wollte die Menschen mit ihren Liedern berühren. Heute hat sie einen festen Job – und sehnt sich nach ihrem früheren Leben.

Schwarz-Weiss-Bild: Lisi mit Gitarre auf einer Bühne Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Statt auf der Strasse tritt Lila Lisi heute in Bars auf. Aber nicht mehr lange. zvg

Ein miefiger Luftschutzkeller dient Lila als Proberaum. Montag bis Donnerstag arbeitet sie in einer Kinderkrippe, freitags probiert sie hier ihre Lieder in verschiedenen Stimmlagen und Stimmungen aus. Eine feste Stelle, eine Wohnung und ein Proberaum – das wäre Lila früher sehr fremd vorgekommen.

Mit 16 tat sie das, wovon viele Teenager nur träumen: sie haute von zu Hause ab und brannte mit einem Strassenmusiker durch. «Ich war immer schon fasziniert von den mittelalterlichen Minnesängern, die von Burg zu Burg zogen und ihre Liebeslieder mitbrachten», erzählt sie. «Ein sehr romantisches Bild.»

Menschen aus der Alltagsroutine reissen

Auf der Strasse entdeckte Lila, dass sie mit ihrer Musik Menschen berühren kann. Für manche Passanten lebte Lila als Strassenmusikerin einen Traum, den diese selber früher gehegt hatten, andere fühlten sich durch ihre Musik an die erste Liebe erinnert. Strassenmusik wurde für Lila zu einer Mission: die Mission, den Menschen ihre Gefühle wiederzubringen und ihre Alltagsroutine zu durchbrechen.

Dafür nahm Lila während 15 Jahren grosse Risiken auf sich: zuerst schlief sie auf der Strasse, in besetzen Häusern, bei Bekannten; später konnte sie sich einen Camper kaufen, blieb aber ohne feste Adresse und Telefonnummer, ohne Bankkonto, ohne Krankenkasse. War sie einmal krank, wartete sie, bis sie wieder gesund war.

Zermürbendes Leben auf der Strasse

Lila hatte einen guten Schutzengel: Ernsthaft krank wurde sie nie, und sie erlebte auch nie Gewalt. Angst habe sie schon manchmal gehabt, sagt die 1 Meter 50 kleine Frau. Aber für solche Momente hat sie eine eigene Technik entwickelt: Schultern hoch, Brust raus, Beine breit und festen Schrittes geradeaus marschieren.

Trotz Schutzengel machte das Leben auf der Strasse Lila mit den Jahren müde. Sie war es leid, jeden Abend «Hotel California» zu singen, damit die Leute stehenbleiben, anstatt die weniger bekannten Songs, die ihr selber besser gefielen. Auch die Konkurrenz mit andern Strassenmusikern machte ihr zu schaffen.

Von der Strassenmusikerin zur Tellerwäscherin

Vor allem aber zermürbte sie die wachsende Repression durch die Polizei. In Mailand wurde ihre Gitarre beschlagnahmt, und Lila sollte sie für umgerechnet 1000 Franken auslösen – «ein Betrag, den ich nicht bezahlen konnte, aber selbst wenn ich gekonnt hätte, auch nicht hätte bezahlen wollen», sagt die Strassenmusikerin.

Auch in Zürich, wohin sie später auswich, nahm die polizeiliche Verfolgung zu. Einmal tauchten Polizisten in zivil auf und führten sie in Handschellen ab. Und so sagte sie nach 15 Jahren auf der Strasse ja zu einem Job als Tellerwäscherin, den ihr Bekannte in Zürich anboten. Auf ihr erstes Bankkonto, den ersten Lohn – ja sogar die ersten Rechnungen auf ihren Namen war Lila stolz.

Eine feste Stelle – dafür keine Kreativität mehr

Seit über 10 Jahren ist Lila nun sesshaft. Nur deutsch spricht sie ungern – fast so, als ob sie sich damit einen letzten Rest des Nicht-Dazugehörens behalten wollte. Statt auf der Strasse singt Lila nun in kleinen Bars oder an privaten Anlässen. Doch mit diesem geregelten Leben ist die heute bald Vierzigjährige je länger je unzufriedener.

Früher hatte Lila viel Zeit für sich. Sie erinnert sich an einen Glücksmoment von damals, als sie im Tram sass und zuschaute, wie Regentropfen auf einer Fensterscheibe hinunterkullerten. «Heute renne ich Terminen und Formularen hinterher – und habe das Gefühl, meine Lebendigkeit und meine Kreativität bleiben dabei auf der Strecke.» Und so hat sie vor kurzem beschlossen, ihre feste Stelle wieder aufzugeben – trotz Angst vor der Ungewissheit. Schon nur die Aussicht auf die freie Zeit inspiriert Lila – vor kurzem hat sie, die jahrelang nur Covers sang, angefangen, ihre eigenen Lieder zu schreiben.

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