Der Komponist Gary Berger macht Musik mit «ctrl + alt + delete»

Musik mit dem Computer komponiert? Zugegeben, das klingt ziemlich steril. Aber nicht, wenn der Schweizer Elektronikkünstler Gary Berger seine Finger im Spiel hat. Dann sollte man lieber aufpassen, dass man inmitten seiner Klänge nicht den Halt verliert.

Blau beleuchtete Tasten einer Computer-Tastatur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sphärische Computer-Töne: Gary Bergers Musik ist alles andere als technisch-steril. IMAGO/BILDMONTAGE

Eine Kugel rollt in schnellem Tempo auf mich zu. Von links nach rechts rast sie an mir vorbei. Gleichzeitig regnet es mit spitzen, kühlen Tropfen auf mich herab. Rings um mich herum breitet sich eine schiefe, knisternd-glänzende Ebene aus. Nein, ich schaue mir nicht einen 3D-Science-Fiction-Film an. Ich höre die Musik von Gary Berger.

Der 47-jährige Komponist kreiert elektronische Klangwelten, in die man als Zuhörer förmlich hineingezogen wird. So werden seine Kompositionen fast physisch erfahrbar. Und genau diese Körperlichkeit zeichnet seine Musik aus. Ein Künstler, der für seine Arbeit brennt.

Kein Software-Geprotze

Gary Berger ist Komponist, Veranstalter und Dozent für elektroakustische Musik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Nach seinem Schlagzeug- und Kompositionsstudium in Zürich hat Gary Berger sein Handwerk an den grossen Instituten für elektronische Musik in Paris verfeinert, bei Iannis Xenakis. So virtuos wie andere mit Geige oder Klavier geht Berger seither mit dem Computer um und komponiert mit dem unscheinbaren, flachen Ding ausdrucksstarke Musik.

Auch wenn technisch heutzutage fast alles möglich ist: Protzige Demonstrationen spitzfindig kombinierter Software-Programme interessieren Berger nicht. Effekthascherei steht für den Avantgarde-Komponisten nicht im Vordergrund seiner künstlerischen Arbeit. Vielmehr ein spielerisch fantasievoller und durchaus auch kritisch hinterfragender Umgang mit dem «Instrument» Computer.

Sein reichhaltiger Werkkatalog umfasst neben digitalen Stücken auch rein instrumentale Werke oder solche, bei denen er Live-Elektronik mit akustischen Instrumenten verbindet. Im Sommer dieses Jahres wurde er für seine Komposition «Encode» für Ensemble und Live-Elektronik mit dem renommierten und mit 20'000 Franken dotierten Preis der «Fondation Suisa» ausgezeichnet.

Bandmaschinen für die gestische Darstellung von Klängen

Das Porträt eines Mannes mit kurzen, dunklen Haaren, der in die Kamera lächelt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Komponist Gary Berger. Palma Fiacco

Die elektronische Musik erlebte Anfang der 1950er-Jahre ihren ersten grossen Hype. Damals arbeiteten Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Luigi Nono mit analoger Technik, mit Bandmaschinen und Synthesizern. Die Erfindung des Computers Anfang der 1980er-Jahre veränderte die Welt der elektronischen Musik grundlegend und die digitale Welt löste die analoge ab. Trotzdem fasziniert die analoge Technik bis heute. Auch die angesagten Popmusiker wenden sich erstaunlicherweise wieder diesen «archäologischen» Technologien zu.

Gary Berger bezieht die alten Bandmaschinen in seine Werke mit ein, weil sie als Objekt eine stärkere Präsenz auf der Bühne haben als der kaum sichtbare Computer. Bandmaschinen verleihen der elektronischen Musik eine visuelle Komponente und ermöglichen ein gestisches Darstellen der Klänge. Zur Zeit arbeitet Gary Berger an einem Werk für das Berliner Ensemble Adapter, bei dem er beides, High-Tech und Low-Tech, verbinden möchte.

Maschinen-Monster aus Kränen und Bildern

Nicht nur die Körperhaftigkeit der elektronischen Musik interessiert Gary Berger, sondern auch der Versuch, sie zu visualisieren. Zusammen mit dem Videokünstler Masus Meier (mit Künstlernamen Optical Noise) hat er das Projekt «ctrl + alt + del» konzipiert, in dem sich musikalische und filmische Mittel zu einem vielschichtigen Kunstwerk vereinen.

Beide Medien, Video und elektronische Musik, sollen dabei gleichberechtigt sein. Ausgangspunkt ihrer Arbeit war der Rheinhafen in Basel. Dort haben die beiden Künstler die riesigen Kran-Maschinen gefilmt. Masus Meier hat diese Aufnahmen im Video dann so verarbeitet, dass die Kräne fremd wirken, unbekannt, ein bisschen wie grosse Monster. Und Gary Berger hat dazu Musik komponiert, die in manchen Passagen an amerikanische Comic-Figuren erinnert. Selbst in der sogenannten «ernsten Musik» ist eben nicht immer alles ernst gemeint.

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