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«Eidgenössisches» als Ziel Blasmusik auf Bewährungsprobe: ein Blick hinter die Kulissen

In Glarus wurde in den letzten Wochen nicht nur geprobt, sondern auch gerungen: mit komplexen Stücken, um Anspruch, aber auch um die konkrete Zukunft eines Vereins. Der Weg der Harmoniemusik Glarus ans Eidgenössische Musikfest zeigt exemplarisch, unter welchem Druck die Blasmusik heute steht.

«Mit Pfeffer im Füdle» sollen sie dastehen und stolz sein, die Musikerinnen und Musiker der Harmoniemusik Glarus. Das sagt Tambourmajor Noël Oertli energisch seinem Ensemble am Vorabend des «Eidgenössischen», auf einer Strasse in Glarus, zwischen Schulhaus und Industriegebiet.

Mann mit Mütze vor einer Blaskapelle im verschneiten Dorf.
Legende: Marschmusik-Tambourmajor Noël Oertli leitet die Proben der Harmoniemusik Glarus für das «Eidgenössische». Er ist auch Klarinettist und Vizedirigent. SRF

Ein letztes Mal üben sie ein Marschmusikstück für den grossen Wettbewerb am Eidgenössischen Musikfest in Biel, das nach zehn Jahren Pause wieder durchgeführt wird. Im Gleichschritt geht die Truppe auf der Strasse auf und ab. Die Körper aufrecht, kein Lächeln, nur höchste Konzentration ist angesagt. Am Ende schwört er sie ein, im Duktus eines Fussballtrainers: «Mir sind geili Sieche, mir rocket das!»

Die «Harmonie» hat hohe Ambitionen

Nach dem Marschstück werden in der Aula des Schulhauses zwei Konzertstücke geübt. Instrumente werden ausgepackt, Töne werden kreuz und quer angespielt, zwischen den Stühlen und den Notenbänken wird munter geplaudert. Ein langsames Ankommen, begleitet von Kakofonie. Ein Übergang vom Alltag in die gemeinsame Konzentration fürs Musizieren.

An diesem Abend besonders im Fokus: Die «Harmonie» probt ein letztes Mal das diesjährige Wettbewerbsstück «Endless Peace» von Pierre-Etienne Sagnol, das dem Ensemble hörbar alles abverlangt. Die Gruppe ist jedoch ehrgeizig: Sie möchte einen guten Rang in ihrer Klasse belegen.

Eidgenössisches Musikfest: der Wettbewerb

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Am Wettbewerb treten Blasmusikvereine in fünf Klassen gegeneinander an. Die Vereine melden sich selbst in der jeweils passenden Kategorie an. Im Konzertwettbewerb spielen sie drei Werke: zwei Konzertstücke und einen Marsch. Ein Konzertstück ist frei wählbar, das andere wird als Pflichtstück vorgegeben – 2026 ist dies «Endless Peace» von Pierre‑Etienne Sagnol. Nicht alle Vereine nehmen sowohl am Marsch- als auch am Konzertwettbewerb teil.

Nicht nur musikalisch war es schwierig

Der Wettbewerb spaltet den Verein leise, aber spürbar: Jüngere Mitglieder üben zusätzlich zu Hause, wollen in Biel vorne mitspielen. Eine junge Klarinettistin sagt zwischen den Stühlen: «Es geht schon auch um die Ehre des Vereins.»

Die Älteren konzentrieren sich dafür stärker auf die Gemeinschaft als auf das finale Resultat und machen selbst während der strengen Proben immer wieder Spässe. Die «Harmonie» hatte jedoch nicht nur wegen der Altersunterschiede zu leiden: Kurz vor Biel verlässt der (jetzt ehemalige) Dirigent Frits Damrow die Blasmusik – unter anderem wegen interner Streitereien.

Der Abgang ist der Höhepunkt an Spannungen, die den Verein in den letzten Wochen geprägt haben. Der ehemalige Dirigent findet klare Worte dafür: «Wer A sagt, muss auch B sagen.» Wer am Ende nicht B sagt, ist Frits.

Volle Aufmerksamkeit auf die Musik

Mit dem Abgang von Damrow wurde die Vorbereitung nicht einfacher. Dennoch wurde in den Wochen bis zum Fest viel geprobt. Am Vorabend steigt die Anspannung. Die Aufmerksamkeit richtet sich jetzt voll und ganz auf die letzten Vorbereitungen. Für viele Mitglieder ist das der Höhepunkt des Vereinslebens. Auf ihn wird alles, selbst das Zusammenleben ganzer Familien, ausgerichtet.

Als alle bereit sind, hebt die Dirigentin Melanie Müller den Taktstock und alle Blicke richten sich auf sie: Die ersten Durchläufe werden geprobt. Sie ist eingesprungen, um bis Biel zu übernehmen und die Truppe zum «Eidgenössischen» zu führen. Noch klingt nicht alles, wie es gewünscht ist. Immer wieder muss unterbrochen werden. Breitet sich vor dem grossen Wettbewerb Lampenfieber aus?

Viel Verbindlichkeit fürs Vereinsleben

Wer hier bei der Blasmusik dabei ist, muss in den Verein investieren: Woche für Woche, oft über Jahre hinweg. Das Vereinsleben verlangt von den Mitgliedern Verbindlichkeit und vor allem Zeit ab.

«Eine zentrale Herausforderung ist die wöchentliche Wiederholung», sagt der Schauspieler Max Gnant, der sich für sein Theaterstück «Zur Rettung der Blasmusik» intensiv mit Blasmusikvereinen beschäftigt hat. Zur Vorbereitung hat er über 1000 Vereinsprotokolle gelesen. «Der feste Termin passt nicht mehr zu allen Lebensentwürfen in der heutigen Zeit.»

Theaterstück zur Blasmusik

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«Zur Rettung der Blasmusik» (seit 2025 auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, unter anderem in Zürich, Baden und Bern) ist eine humorvolle Theaterproduktion von Max Gnant und seinem Kollektiv. Darin wird das Vereinsleben rund um Blasmusik zwischen Tradition, Generationenkonflikten und Zeitdruck beleuchtet. Das Stück basiert auf Recherchen in realen Vereinen und zeigt, wie sehr Engagement und Gemeinschaft, aber auch Spannungen den Alltag prägen. Themen, die sich auch bei der Harmoniemusik Glarus vor dem Eidgenössischen Musikfest wiederfinden.

Das anstehende «Eidgenössische» verschärft diese Dynamik: Die Taktung der Proben wurde in den letzten Wochen enger. «Das ist schon etwas sehr Spezielles», fügt Gnant an, «dass dem Zusammenkommen im Verein und dem Künstlerischen, das damit einhergeht, so ein fester Platz im Alltag gegeben wird». 

Im Blasmusikverein kommen «alle» zusammen

Die ersten Durchgänge sind unterdessen gelaufen, langsam klingt alles eingespielter und wettbewerbsfähig – trotz hohem Schwierigkeitsgrad. Feinschliffe werden diskussionslos umgesetzt. Die Dirigentin fordert Disziplin ein. Im Raum herrscht gebannte Stille. Und dann wird zusätzlich noch Leichtigkeit verlangt – schliesslich, so die Dirigentin, «klingt es am Ende so, wie ihr euch fühlt». 

«Ein Verein funktioniert nicht über Einigkeit», sagt Gnant. «Sondern darüber, dass man Unterschiedlichkeiten aushält.» Natürlich nur, solange man das kann. Ansonsten gehört das Zusammenstehen dazu, damit überhaupt alle am gleichen Strang ziehen können, sowohl Jung als auch Alt.

Je näher Biel rückt, desto klarer wird, dass es hier um mehr geht als um einen gelungenen Auftritt: nämlich darum, wer Verantwortung übernimmt und wer bereit ist, sich auch in Zukunft auf diese Form von Verbindlichkeit einzulassen – all das entscheidet sich nicht erst am Wettbewerb, sondern in den Wochen davor und danach.

Alles bereit für Biel?

Eine junge Perkussionistin atmet lange und tief aus. Die Tubaspieler gähnen, bevor sie zu ihren Taschen greifen. Die Vereinspräsidentin Gabi Oertli spornt am Ende der Probe ein letztes Mal die Truppe an: «Freude» sollen sie haben, «ganz viel Freude». Dirigentin Müller schwört auch noch ein: «Ihr spielt nicht gegen andere Musiken, ihr spielt vor allem gegen euch selbst.»

Orchesterprobe mit Posaunenspielern.
Legende: Willi Lutz, eins der ältesten Mitglieder im Verein, spielt im Posaunenregister. SRF

Max Gnant kommt am Ende seines Stücks «Zur Rettung der Blasmusik» zum Fazit, dass die Blasmusik gar nicht so bedroht sei, wie er anfangs gedacht habe. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Blick in die Glarner Aula: Strahlende, wenn auch müde Gesichter, schauen einander beim Zusammenpacken erleichtert an. Alle freuen sich auf den gemeinsamen Weg nach Biel.

Am Morgen darauf wird der Schlagzeuger verschlafen. Die Anreise wird sich verzögern. Eine der Musikerinnen wird vor dem Marsch sagen: «Jetzt geniessen wir nur noch. Alles andere ist jetzt sowieso hinter uns.» Ob am Ende wie gewünscht alles zusammenkommt, ob das Ensemble auch tatsächlich Freude haben wird und ob die Harmonie Glarus einen Preis am «Eidgenössischen» ergattern wird, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Ein Highlight für die Musikerinnen und Musiker ist es so oder so.

Sendungshinweis

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Die Kulturplatzsendung «Verein als Heimat – ein Blasmusikverein auf dem Weg zum Eidgenössischen» erzählt die Geschichte der Harmoniemusik Glarus und begleitet sie auf dem Weg zum Eidgenössischen Musikfest 2026. Zu sehen am 20.5. um 22.25 Uhr auf SRF 1.

SRF Musikwelle, «Sinerzyt», 11.5.2026, 9.40 Uhr; herb

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