Hèctor Parra – wenn Musik auf Physik trifft

Der Komponist Hèctor Parra schickt den Zuhörer auf überraschend un-erhörte Klangreisen und lässt ihn musikalische Grenzerfahrungen erleben. Gekonnt kombiniert er hyper-mikroskopische Klangspiele mit einer sinnlichen Musiksprache. Seine Kammeroper «Hypermusic Prologue» ist aktuell in Basel zu hören.

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Bildlegende: Hat 2011 den Komponisten-Förderpreis der Ernst Siemens Musikstiftung gewonnen: Hèctor Parra. Ernst von Siemens Music Foundation/Manu Theobald

«Nur wenn es zwischen dem, was wir im Innersten spüren und dem, was wir schreiben, keine Mauer gibt, können wir Neues schaffen»: Der katalanische Komponist Hèctor Parra ist neugierig, offen und wissbegierig. Wenn ein Thema sein Interesse geweckt hat, drängt es ihn, dieses bis ins letzte Detail zu erforschen und zu verstehen. Seine Leidenschaft für die schönen Künste, im Zusammenklang mit seiner Begeisterung für die Naturwissenschaften bis hin zur theoretischen Physik, eröffnet ihm aussergewöhnliche Inspirationsquellen.

Die Zeit und die fünfte Dimension

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Parras «Hypermusic Prologue»

Die Kammeroper «Hypermusic Prologue» von Hèctor Parra und Lisa Randall wird vom 16. bis am 18. Oktober 2013 im Gare du Nord in Basel aufgeführt.

Doch wie facettenreich die Impuls-gebenden Inspirationsquellen auch sind: All seinen Kompositionen gemeinsam und im Hintergrund immer präsent ist das Thema der Zeit, die vergeht.

Dabei bewegt sich Parras weg von den altmodischen Theorien eines Newton, der die Zeit als Uhr begreift, die angeblich überall und immer gleichmässig läuft, sogar wenn man die Geschwindigkeit ändert. Weg auch vom Verständnis der Zeit als eine Art Box – und der Menschen mitten darin.

Weit weg davon ist Parras Verständnis verankert in der Vorstellung der theoretischen Physik und ihren Entwürfen einer fünften Dimension. Eine Dimension jedoch, die vom Menschen nicht wahrgenommen werden kann, weil sie im Gegensatz zu den uns bekannten Dimensionen einen verzerrten und gekrümmten Charakter hat.

Physikerin als Librettistin

Trailer zur Kammeroper «Hypermusic Prologue»

2:32 min, vom 15.10.2013

Die Physikerin Lisa Randall hat dazu ein Modell entwickelt, das «Randall-Sundrum-Modell1 und 2», das solche neue Raumzeit-Räume öffnet. Mit ihr als Librettistin hat Hèctor Parra 2009 die Kammeroper «Hypermusic Prologue» für zwei Sänger, acht Instrumentalisten und Elektronik komponiert. In der Oper setzt er Randalls Theorien in Musik um und schreibt dazu: «Die physikalische Zeit entspricht hier der rhythmischen Dichte des musikalischen Diskurses, sowohl den spezifischen, den Diskurs aufbauenden Rhythmen als auch ihrer zeitlichen Entwicklung und der ‹Granularität› der elektronisch bearbeiteten Klänge in Echtzeit.»

Extra-dimensionale Vorstellungskraft gefordert

Sängerin und Sänger bewegen sich in unterschiedlichen Handlungsebenen. Während der Sänger in den uns vertrauten Dimensionen verharrt, unternimmt die Sängerin eine Reise in die verzerrte fünfte Dimension. Sie taucht ein in eine Raum-Zeit-Dimension, die wahrzunehmen extra-dimensionaler Vorstellungskraft bedarf. In diese möchte Hèctor Parra Musiker und Publikum mit seiner Oper führen, eine wissenschaftliche Oper, wie sie sinnlicher kaum sein kann.

Für den Komponisten selbst gibt es in seiner «Werkstatt» noch eine weitere Verzerrung von Zeit: Er kann niemals in der Echtzeit des aktuellen Werkes komponieren, denn so schnell kann kein Komponist schreiben. So gesehen lässt jede niedergeschriebene Note die verstreichende Gegenwart in gedehnter Form erfahrbar werden, für den Komponisten noch hautnaher als für seine Musiker und Zuhörer.

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