«Ein Baum, der tiefe Wurzeln hat, kann auch viele Früchte tragen.» In der Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, mit der heimischen Musiktradition, findet Nadja Räss ihre Stimme als Musikerin.
Neben traditioneller Volksmusik mit namhaften Musikerinnen und Musikern, wie Markus Flückiger und Willi Valotti, singt Nadja Räss in interkulturellen Projekten – etwa im Trio mit der Finnin Outi Pulkkinen und der Ukrainerin Mariana Sadovska. Oder sie gibt dem Jodeln frischen Drall, auch im Werk «Dorothea», einer Kantate für Solojodel, Männerchor, Orgel und Streichorchester.
«Wenn ich gross bin, werde ich Jodlerin!»
Sie jodelt schon als kleines Kind im Kanton Schwyz und früh steht für sie fest: «Wenn ich gross bin, werde ich Jodlerin!» Nadja Räss studiert klassischen Gesang an der Zürcher Hochschule, auch aus dem Grund, dass es eine Hochschulausbildung in der Volksmusik, im Fach Jodeln, noch nicht gab.
Damals wusste sie noch nicht, dass sie die erste Jodel-Professorin der Schweiz werden würde. Heute leitet sie den Fachbereich Volksmusik an der Hochschule Luzern und ist eine wichtige Vermittlerin dieses Schweizer Kulturguts.
Der erste Grand Prix für die Volksmusik
Preise sind Nadja Räss nicht unbekannt: 2014 gewinnt sie den Prix Walo, 2015 den Kultur-Anerkennungspreis des Kantons Schwyz, 2016 einen der sieben Schweizer Musikpreise und 2025 den Goldenen Violinschlüssel. Nun aber ist sie die erste Gewinnerin des Grand Prix Musik aus der Schweizer Volksmusik. Geht damit Druck oder Verantwortung einher?
«Es ist bestimmt eine gewisse Erwartung da, aber man wird ja auch ausgezeichnet für das, was schon war. Ich sehe den Grand Prix Musik als Ansporn, und gerade die vergangenen paar Jahre sind einige grosse Dinge passiert für den Jodel, zum Beispiel das Labeling als Unesco-Weltkulturerbe.»
Das gebe dem Jodel, der Volksmusik mehr Sichtbarkeit. «Da machen wir weiter und das bin ja nicht nur ich. Ich habe zwar diesen Preis gewonnen, aber da steht eine ganze Szene dahinter.»
Wir Menschen brauchen Wurzeln
«Gerade in dieser schnelllebigen Zeit brauchen wir Wurzeln und die kann man in der eigenen Kultur finden. Und ich als Jodlerin muss schon sagen, im Jodel findet man sie besonders gut. Man spürt sich so gut, wenn man singt und es hat was unglaublich Verbindendes.»
Für Nadja Räss ist der Grand Prix Musik eine Ehrung und ein Ansporn, noch tiefer in die eigene Stimme einzutauchen. Mit 47 Jahren gewinnt sie den Preis für ihr Lebenswerk. Was in ihrer Karriere alles noch kommt, weiss sie jetzt noch nicht. «Ich würde herzensgern auch Wirtin sein, vielleicht bin ich irgendwann in ferner Zukunft die jodelnde Wirtin.»
Bodenständig wie sie ist, wird ein Teil des Preisgeldes der 100'000 Schweizer Franken in ihre Altersvorsorge investiert, die meisten Musikerinnen und Musiker seien ja nicht von Anfang ihrer Karriere auf Rosen gebettet. Dann möchte sie sich damit Freiraum zum Üben, Tüfteln, Ausprobieren schaffen. Und gleichzeitig singt, vermittelt und unterrichtet Nadja Räss mit so viel Leidenschaft, dass dieser Preis ganz klar zurück ins Jodeln fliessen wird.