Keine Angst vor der Maschine Garri Kasparow: «Computer träumen nicht»

Maschinen machen Garri Kasparow keine Angst. Auch 20 Jahre nach seiner Niederlage gegen den Schachcomputer Deep Blue nicht.

Zwei Bildschirme: Auf einem ein Schachbrett. daneben ein Schachspieler. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mensch gegen Maschine: Kasparow im Duell mit Deep Blue. Getty Images

Computer rechnen immer schneller und werden immer intelligenter. Viele Menschen fürchten, die Maschinen könnten uns schon bald die Arbeitsplätze wegnehmen.

Einer, der die Power von künstlicher Intelligenz als einer der ersten Menschen überhaupt erfahren musste, ist Garri Kasparow, Schachweltmeister zwischen 1985 und 2005. 1997 unterlag er dem IBM-Schachcomputer Deep Blue.

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Garry Kasparow wurde 1963 in Baku (Aserbaidschan) geboren. Im Alter von fünf Jahren lernte er Schach spielen. Mit 22 wurde er erstmals Weltmeister. Heute lebt Kasparow in New York. Er ist Menschenrechtsaktivist und einer der bekanntesten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er hält weltweit Vorträge zum Thema künstliche Intelligenz.

Deep Blue auf dem Smartphone

Auf den historischen Videoaufnahmen ist Kasparow die Verzweiflung und Hilflosigkeit anzusehen. Nach knapp vier Minuten gibt Kasparow auf. Deep Blue, der 200 Millionen Stellungen pro Sekunde berechnen konnte, war ein zu starker Gegner.

Deep Blue war damals ein Super-Hochleistungscomputer, dessen Geschwindigkeit bis heute bemerkenswert ist. «Heute haben Sie jedoch mit jeder kostenlosen Schach-App auf Ihrem Smartphone mehr Power als Deep Blue», sagt Kasparow.

Ironischerweise hatte Kasparow selbst dafür gesorgt, dass Deep Blue ihn schlagen konnte. In seinem zwölften Lebensjahr begann Kasparow professionell Schach zu spielen. Von knapp 2500 Partien verlor er nur 170. Mit all den Daten seiner Siege fütterte er gewissermassen die Algorithmen von Deep Blue.

«Menschen machen Fehler»

Weil künstliche Intelligenz keine Fehler macht, verlor Kasparow gegen Deep Blue. Gegen Maschinen hätten wir Menschen keine Chance, so Kasparow. «Menschen sind verletzlich und machen Fehler, Computer aber machen keine Fehler.»

Altes Schwarz-Weiss-Bild von Garry Kasparow beim Schach. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ironischerweise trainierte Kasparow mit seinen Siegen auch seinen späteren Kontrahenten Deep Blue. Keystone

Computer spielen nicht nur besser Schach als Menschen, sie arbeiten auch präziser, ausdauernder und billiger. Das macht vielen Menschen Angst.

Entwicklung lässt sich nicht stoppen

Garri Kasparow kann diese Angst zwar verstehen, dennoch sieht er die Zukunft optimistisch. Jede neue Technologie habe ihre guten und schlechten Seiten. Auch in der Vergangenheit seien schliesslich Jobs durch Maschinen ersetzt worden. «Denken Sie an die Landwirtschaft oder die Produktion, wo Arbeitsplätze der Automatisierung zum Opfer fielen.»

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

In «Deep Thinking: Where Machine Intelligence Ends and Human Creativity Begins» beschreibt Garry Kasparow ausführlich seine Niederlage gegen Deep Blue sowie die zukünftige Koexistenz von Menschen und Maschinen.

Garry Kasparow: «Deep Thinking: Where Machine Intelligence Ends and Human Creativity Begins», Public Affairs, 2017.

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz lasse sich nicht mehr verhindern. Wir Menschen müssten sogar dafür sorgen, dass der Fortschritt nicht abbreche und die Bildung zunehme, so der ehemalige Schachweltmeister.

Computer philosophieren nicht

Kasparow glaubt, Maschinen könnten nur jene Aufgaben übernehmen, die sie besser erledigen als wir Menschen: in der Produktion, am Fliessband oder bei Berechnungen. Beim Nachdenken über das Leben oder dem Entwickeln von kreativen Ideen bleibe hingegen der Mensch überlegen. «Kein Computer der Welt kann die Frage beantworten, wie das Universum entstanden ist und weshalb wir überhaupt hier sind.»

Seit Jahrtausenden hätten sich Philosophen an diesen Fragen die Zähne ausgebissen und keine Antworten gefunden. Genauso wenig wüssten wir, weshalb wir träumen oder Leidenschaft verspüren.

Hand in Hand mit der Maschine

«Wir wissen nicht, weshalb uns dieser Maler besser gefällt als jener.» Was wir selber nicht verstünden, könnten wir auch nicht an Maschinen delegieren, ist Kasparow überzeugt.

Die Zukunft sieht Garri Kasparow nicht als «Mensch gegen Maschine», sondern als «Mensch mit Maschine». Während Computer unschlagbar seien in puncto Speicherkapazität, Schnelligkeit und Algorithmen, könnten wir Menschen strategisch denken und auf Erfahrungen zählen: «Das bietet enormen Raum für Zusammenarbeit.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Nachrichten, 18.5.2017, 17.15 Uhr.