Überbelegung, unzureichende Betreuung und zu lange Haft in Polizeigefängnissen: In ihrem neusten Jahresbericht prangert die Kommission für Gefängnisbesuche des Grossrats des Kantons Waadt die Haftbedingungen im Kanton an – einmal mehr.
Das Problem der Überbelegung in den Anstalten Bois-Mermet (166 Prozent) und Croisée (143 Prozent) betreffe sowohl die Insassen als auch das Personal und erfordere «so schnell wie möglich Antworten», zitiert das Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) eine Medienmitteilung der Kommission vom Donnerstag.
Experte und Parlamentarierin im RTS-Interview (dt. Untertitel):
Ein weiteres Problem: die medizinische Betreuung bei psychischen Störungen. Die Anzahl der Fälle steige in «besorgniserregender Weise» und führe zu einer «grossen Herausforderung» für die therapeutische Begleitung im Strafvollzug.
62 Tage statt 48 Stunden
Schliesslich bemängelt die Parlamentskommission, dass Personen zu lange in Polizeigefängnissen inhaftiert waren – bis zu 62 Tage, statt der gesetzlichen Höchstdauer von 48 Stunden.
Die Kommission fordert «dringend» Massnahmen, damit diese Orte wieder ihrer eigentlichen Bestimmung dienen, nämlich der provisorischen Festnahme, und nicht als Gefängnis dienen.
Für Kommissionsmitglied Marion Wahlen (FDP) zeigt sich in diesen ungewöhnlich langen Aufenthalten in Polizeigewahrsam die Überlastung des Systems. Es habe offensichtlich Auswirkungen, wenn Personen so lange unter solchen «unmenschlichen» Bedingungen festgehalten würden – bis zu 62 Tage in Räumen ohne Tageslicht.
«Wenn jemand ohne psychiatrisches oder psychologisches Problem an einen solchen Ort kommt, ist es mehr als wahrscheinlich, dass er mit Störungen wieder herauskommt», sagt Wahlen gegenüber RTS.
Die Überbelegung als Hauptrisikofaktor
Der Bericht kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Das Klima ist angespannt in den Westschweizer Gefängnissen, nachdem es Anfang Woche im Gefängnis Bellechasse im Kanton Freiburg zu einem gewalttätigen Aufstand gekommen ist. Bereits letzten Sommer gab es eine Protestbewegung in der Genfer Haftanstalt Champ-Dollon.
Die Überbelegung sei ein grosser Risikofaktor, sagt der Strafvollzugs-Experte Benjamin Brägger von der Universität Bern: «Überbelegung ist wie ein Dampfkochtopf: Sie erzeugt Spannungen und führt letztendlich zu Übergriffen», so Brägger.
Angesprochen auf Aussagen ehemaliger Häftlinge, die von einem Gefühl der Demütigung und als willkürlich empfundenen Praktiken sprechen, sagt Brägger: Die Art und Weise, wie die Inhaftierten im Alltag behandelt würden, hänge direkt damit zusammen, wie überlastet eine Einrichtung sei.
«Wenn das Personal immer unter Stress steht, hat es keine Zeit mehr für das Gespräch, um den Inhaftierten Zeit zu geben für den Austausch», betont der Experte.