Schweizerinnen und Schweizer haben pro Kopf die weltweit höchsten Vermögen, vor allem wegen der stark gestiegenen Häuserpreise. Dem Betongold stehen aber auch Hypothekarschulden gegenüber. Daher stellt sich die Frage: Wie stabil ist die wirtschaftliche Zukunft, in einer Zeit, in der primär KI die (Arbeits-)Welt verändert? Experten leuchten drei Szenarien aus.
1. Die optimistische Sicht: Der digitale Jungbrunnen
Jan-Egbert Sturm, Direktor des KOF-Instituts der ETH Zürich, sieht in der KI vordergründig eine Chance. Während Überalterung, Klimawandel und Deglobalisierung die Wirtschaft bremsen, könnten die Gewinne durch KI diese Effekte drosseln. Laut einer Deloitte-Studie fehlen der Schweiz bis 2050 rund 300’000 Arbeitskräfte. Um dies auszugleichen, müsste die Produktivität jährlich um 1.2 Prozent wachsen – viermal schneller als bisher.
Sturm verschweigt die Härten nicht: «Vor fünf Jahren hiess es: Lern Programmieren, dann hast du ausgesorgt! Heute kann KI schneller und oft fehlerfreier codieren als viele IT-Spezialisten.» Die Nachfrage sinke, dennoch glaubt er nicht an eine dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit. KI automatisiert Aufgaben, keine Berufe. Auch das Weltwirtschaftsforum WEF rechnet damit, dass zwar 92 Millionen Jobs verschwinden, aber 170 Millionen neue entstehen.
2. Die pessimistische Sicht: Das Ende der Erwerbsarbeit
Peter G. Kirchschläger, Ethiker an der Universität Luzern, widerspricht dieser Logik fundamental. «Zielsetzung künstlicher Intelligenz ist nicht die Ergänzung, sondern der Ersatz des Menschen», sagt er. Er hält es für realistisch, dass die Arbeit für 50 bis 70 Prozent der Menschen wegfällt. Anders als bei der industriellen Revolution seien dieses Mal alle Sektoren gleichzeitig betroffen.
Wenn Gewinne nur noch einseitig fliessen, drohe der Kollaps des Konsums und soziale Unruhe. Kirchschläger plädiert daher für radikale Umverteilung: Eine globale Steuer auf Daten und KI-Erträge, die in ein bedingtes Grundeinkommen fliesst. «Wir dürfen jetzt nicht in Angst verfallen, sondern müssen rational handeln.» Er schlägt eine UNO-Behörde vor, die KI-Tools vor ihrer Einführung prüft, ähnlich wie bei Medikamenten. Der Druck auf die Staaten sei schlicht zu gross, um nicht zu regulieren.
3. Das pragmatische Szenario: Rückkehr zum Handwerk
Marc Beierschoder von Deloitte Schweiz sieht die Entwicklung noch am Anfang. Während manche CEOs bereits 20 Prozent Kostenersparnis durch KI fordern, glaubt er nicht an die totale Verdrängung. «Wir haben die Arbeit erfunden. Ich sehe nicht den Fall, dass uns eine Superintelligenz alles abnimmt», sagt er.
Allerdings verändern sich die Profile. Wenn hoch bezahlte Kopfarbeit durch KI zum Nulltarif verfügbar werde, gewinne das Physische an Wert. Beierschoder berichtet von einem Mitarbeiter, der gekündigt hat, um Dachdecker zu werden – ein KI-sicherer Job. Es ist das Bild einer Zukunft, in der repetitive Büroarbeit schwindet und sich die Menschen wieder Berufen zuwenden, die näher an ihrer physischen Existenz liegen.