Am 24. November 2020 verwandelt sich für Celine ein ruhiger Morgen in einen Albtraum. Sie wird in Lugano in einem Warenhaus angegriffen. Eine andere junge Frau sticht ihr mit einem Messer in den Hals und schreit dabei: «Allah u Akbar» (Allah ist gross). Celine bleibt mit schweren Verletzungen am Boden liegen.
Der Angriff löst unter der Kundschaft Panik aus. Die Verkäuferin Ylona befindet sich in der Nähe und versucht, die Angreiferin zu stoppen. «Sie schien wie besessen», erzählt sie heute und beschreibt die Kraft der Frau und das Chaos, das im Geschäft herrschte.
Celine schildert, wie es ihr fünf Jahre nach dem Attentat geht:
Fünf Jahre nach dem Angriff finden Celine und Ylona zum ersten Mal den Mut, ihre Geschichte zu erzählen. «Ich wurde in einem Einkaufszentrum angegriffen, das ich für einen sicheren Ort hielt. Das werde ich nie vergessen», betont Celine gegenüber dem Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz (RSI).
Ich lebe dank eines Wunders.
Sie habe sich immer wieder die Frage gestellt: «Wieso gerade ich? Was habe ich getan? Hat sie mich aus einem bestimmten Grund ausgesucht?» Das habe ihr keine Ruhe gelassen. Bis die Polizei ihr gesagt habe, dass sie zufällig ausgewählt worden sei.
Das Eingreifen der Polizei und der Rettungsdienste erfolgt umgehend. Celine wird notfallmässig ins Spital gebracht und muss sich wegen der schweren Verletzungen an Hals und Händen chirurgischen Eingriffen unterziehen. «Ich lebe dank eines Wunders», betont sie heute.
Nach einer langen Rehabilitationsphase kehrt Celine nach Hause zurück. Doch die Angst und das Trauma zeichnen sie weiterhin. «Ich hatte immer die Vorstellung, dass die Angreiferin zurückkommen könnte, um ihr Werk zu beenden», berichtet sie. Sie ist nur zu 50 Prozent arbeitsfähig. Hände und Finger kann sie nicht mehr wie früher bewegen. Sie klagt über dauernde Schmerzen.
Gericht erklärt Tat mit Terror-Motiv
Die Täterin gab an, sie habe sich am Morgen spontan entschieden, dass heute der Tag sei, zur Tat zu schreiten. Den Plan, ein Attentat mit einem Messer zu begehen, habe sie aber schon vor Jahren gefasst. So steht es in den Protokollen der Polizeiverhöre.
«Man fragte mich, was ich beim Angriff auf die Frau empfunden habe», heisst es in den Protokollen weiter. «Ich sagte, ich sei erleichtert und glücklich gewesen.» Und weiter: «Ich wollte wissen, ob sie gestorben ist. Denn die Ungläubigen müssen sterben.»
Die Frau wird vor Gericht gestellt und wegen versuchten Mordes mit terroristischem Motiv zu 10 Jahren und 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Celine verfolgte den Prozess vor Ort mit. «Ich wollte die Person sehen, die mich angegriffen hatte», sagt sie. Aber es sei nicht einfach gewesen. «Ich habe immer Wut empfunden auf diese Person, weil mein Leben ruiniert worden ist.»
Die Frau befand sich schlicht und einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.
Die Verteidigung versuchte, die Tat der psychischen Erkrankung der Täterin zuzuschreiben. Sie habe zwei Wochen vor der Tat ihre Medikamente abgesetzt und sei darum nicht mehr die «sanfte, ruhige Person» gewesen wie sonst, argumentiert ihr Verteidiger, Daniele Iuliucci. Ihre Krankheit habe sie anfälliger gemacht für die islamistische Propaganda.
Doch für das Gericht überwog die Schwere der Tat. Ihm sei bewusst, wie traumatisch dies für das Opfer sei, räumt Iuliucci ein, vor allem, weil alles so zufällig gewesen sei. «Die Frau befand sich schlicht und einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.»