Der Frauenmord von Faido vom letzten Donnerstag ist bereits der dritte Femizid in diesem Jahr im Tessin. Daniele Joerg ist Rechtsanwalt und Präsident des Vereins Beratungsstelle Frauenhaus. Ihn erstaunt an diesem Verbrechen «die Gewalt, die Entschlossenheit, das völlige Fehlen von Skrupeln» beim mutmasslichen Täter.
SRF News: Herr Joerg, ich stelle mir vor, dass Sie ziemlich viele Fälle von Gewalt mitbekommen.
Daniele Joerg: Wir bekommen ziemlich viele mit. Dies ist der 16. Fall in der Schweiz in diesem Jahr, der dritte im Tessin. Wir sehen wirklich sehr viele. Die gewalttätigsten, wie dieser Fall, stechen besonders hervor. Aber was wir in unserem Verein seit nunmehr 40 Jahren sehen, ist an der Tagesordnung. Häusliche Gewalt ist eine Plage. Mittlerweile spricht man mehr darüber, aber es ist wirklich eine Plage!
Hören Sie das Originalinterview mit Daniele Joerg:
Was beobachten Sie im Moment im Tessin?
Es gibt eine Regelmässigkeit der Anfragen und seit einigen Jahren eine Zunahme. Man muss betonen, dass wir uns um eine Nutzerinnengruppe mit mittlerer bis niedriger Wirtschaftskraft kümmern. Diejenigen, die über eine höhere Finanzkraft verfügen, wenden sich an Anwälte, Gerichte und so weiter. Wir beobachten, dass diese häusliche Gewalt weitergeht, trotz der Tatsache, dass man darüber spricht. Man spricht seit einigen Jahren sogar sehr viel darüber. Aber das hat nicht dazu geführt, dass sie abnimmt. Im Gegenteil, sie nimmt zu.
Die Polizei fordert mehr Ressourcen im Kampf gegen Femizide. Was halten Sie davon?
Ich kann die Forderung der Polizeiorgane rundum unterstützen. Die Gewerkschaft fordert mehr Beamte, mehr Mittel, und es hat mich etwas erstaunt, dass nun auch die Polizei diese Forderung stellt. Aber das widerspiegelt die Bedeutung des Phänomens. Wir befinden uns wirklich in einer Alarmsituation.
Es ist ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft. Darüber muss konstant gesprochen werden und nicht nur in Einzelfällen.
Inzwischen gibt es auch die Telefonnummer 142 für Gewaltopfer. Welche weiteren Massnahmen fordert Ihr Verein?
Seit langem wünschen wir uns, dass die Medien nicht nur in den vermischten Meldungen darüber berichten. Denn es ist ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft. Darüber muss konstant gesprochen werden und nicht nur in Einzelfällen. Das Problem ist, dass es Gewalt in der Gesellschaft gibt. Es ist ein soziologisches Problem, ein Problem der Gewalt, das verstanden werden muss. Es darf nicht nur in den Momenten behandelt werden, in denen etwas passiert.
Das Gespräch führte Romina Lara