Die Tessiner Polizei hat gestern Details zu den dramatischen Ereignissen von letzter Woche bekannt gegeben. Demnach ging am Donnerstagabend gegen 20:10 Uhr bei der Einsatzzentrale ein Notruf ein: In der Nähe des Spitals von Faido sei eine 56-jährige Frau in einer Blutlache liegend im Garten gefunden worden.
Sofort eilen die Sicherheitskräfte zum Tatort. Vom Spitalpersonal erfahren sie, dass das Opfer im Laufe des Nachmittags Besuch von einem Mann erhalten hat. Wie die Aufnahmen der Videoüberwachung zeigen, haben die beiden mindestens eine Stunde zusammen verbracht. Der Mann wird rasch identifiziert: Es handelt sich um den Ex-Ehemann, von dem die Frau seit etwa zwanzig Jahren getrennt lebt.
Der Flüchtige wird zur Fahndung ausgeschrieben. Man versucht, sein Auto zu orten, und die Aktivität auf seinem Mobiltelefon wird zurückverfolgt. Noch in der Nacht befragt die Polizei etwa fünfzehn Personen, durchsucht etwa zehn Orte und richtet mehrere Strassensperren ein. Ab 22 Uhr ist die Polizei auch in Leontica im Bleniotal präsent, dem Wohnort des Flüchtigen.
Schüsse im Nachbarhaus
Der Wendepunkt in der Fahndung kommt am Freitag gegen 14:15 Uhr. In Leontica wird etwa 200 Meter entfernt von der Wohnung des mutmasslichen Mörders dessen Auto gefunden. Es ist dasselbe Fahrzeug, mit dem der Mann am Vortag nach Faido gefahren und dann ins Bleniotal zurückgekehrt war.
Der Ablauf der Ereignisse aus Sicht der Tessiner Polizei:
Gegen 19 Uhr erhält die Polizei die Meldung, dass im Nachbargebäude des Hauses des Flüchtigen drei Schüsse zu hören waren. Eine Sondereinheit tritt in Aktion. Fünf Beamte dringen ins Gebäude ein. Sie nehmen metallische Geräusche wahr. Dann kommt es zur Explosion. Zwei Beamte werden nach draussen geschleudert, ein Beamter wird vollständig von den Trümmern begraben, zwei weitere Beamte bleiben in einem Raum des Hauses eingeschlossen. Das Haus gerät in Brand.
Zunächst herrscht Ungewissheit über das Schicksal des Flüchtigen. Nach Darstellung der Polizei hat dieser den Einsatzkräften eine regelrechte Falle gestellt. In den Trümmern des Hauses entdecken die Beamten später weitere zwei Kilogramm Sprengstoff, die nicht explodiert sind.
Keine Hinweise auf Gewaltbereitschaft
Wie es der Mann geschafft hat, eine solche Menge an Sprengstoff zu beschaffen, bleibt vorerst unklar. Bestätigt ist aber, dass der 59-Jährige ordnungsgemäss registrierte Waffen besass. Im Laufe der Nacht findet das Rettungsteam menschliche Überreste in den Trümmern. Am Samstag bestätigen die Laboruntersuchungen, dass sie vom Flüchtigen stammen.
Auf die Frage, wieso die Bevölkerung nicht alarmiert worden sei, erklärte die Polizeiführung, der Alarm sei gezielt und flächendeckend verbreitet worden, das heisst innerhalb des Kreises der Personen, die dem 59-Jährigen am nächsten standen. Es habe keine konkreten Hinweise gegeben, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit befürchten liessen oder dass der Mann Dritten Schaden zufügen könnte. Darum habe man keine allgemeine Fahndungsmeldung herausgegeben.
Ausserdem gab das Ermittlungsteam bekannt, dass es nie Anzeichen oder Hinweise auf Morddrohungen gegenüber der Ex-Ehefrau gegeben habe und dass der 59-Jährige den Ordnungskräften nur wegen kleinerer und nicht gewalttätiger Delikte bekannt gewesen sei. Gemäss Zeugenaussagen hatte der Mann aber in letzter Zeit berichtet, er sei krank und wolle einige offene Rechnungen begleichen, bevor er sterbe.