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Tradition versus Entwicklung Wann ein Ortsbild schützenswert ist – und wann nicht

Der Bund hat das Inventar der schützenswerten Ortsbilder aktualisiert. Doch was bedeutet das für ein Dorf?

Der Schutz von Ortsbildern ist in der Schweiz vor allem Sache der Gemeinden. Auf nationaler Ebene betreibt das Bundesamt für Kultur (BAK) ein Inventar, das Ortsbilder und ihre Bedeutung schweizweit nach einheitlichen Massstäben beurteilt.

Rund 1200 Ortschaften sind in diesem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (Isos) verzeichnet.

Die Ortschaften werden immer wieder überprüft und das Isos entsprechend aktualisiert. Manche Ortsbilder werden neu aufgenommen, andere fallen raus. Entschieden wird das vom Bundesrat, so wie kürzlich gerade wieder. Grundlage dafür sind Besuche der Isos-Mitarbeitenden vor Ort.

Die Kriterien:

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Bewertet wird nach einem Kriterienkatalog. Kategorien sind etwa:

  • Bedeutung der Lage innerhalb der Landschaft
  • Bedeutung des Dorfes und des von ihm eingenommenen Raumes
  • Wie die Häuser zueinanderstehen 
  • Wie die Wege organisiert sind
  • Bauten von historisch-architektonischer Bedeutung

In den verschiedenen Kategorien gibt es 1 bis 4 Punkte, die am Ende addiert werden – benötigt werden mindestens 7 Punkte. 

Im Bündner Val Lumnezia gibt es mit der jüngsten Revision einen Zu- und einen Abgang. Die beiden Ortschaften Cons und Degen, rund 12 Kilometer auseinander im Val Lumnezia gelegen, illustrieren die Ansprüche an ein Ortsbild von nationaler Bedeutung.

Die Ortschaft Cons ist neu im Isos aufgelistet. Hier ein paar Bilder aus dem neuen Isos-Ortsbild:

Neu im Inventar: Cons

Nicht mehr dabei ist hingegen das Dorf Degen, das seit 1988 im Isos-Katalog aufgeführt war. Grund für das Ausscheiden Degens seien neue Bauprojekte im Dorf, sagt Isos-Leiterin Marcia Haldemann gegenüber dem Radio und Fernsehen der rätoromanischen Schweiz (RTR). Neue Gebäude am Rand des Dorfkerns würden die früheren starken Verbindungen zur Kulturlandschaft schwächen. Innerhalb des Dorfes nähmen neue Bauten Räume ein, die früher frei waren.

Zu viel gebaut: Degen

Die Bautätigkeit mindere die Authentizität des landwirtschaftlichen Ortsbildes, so Haldemann. So erfüllt Degen in dieser neuen Revision die Kriterien für ein Ortsbild von nationaler Bedeutung nicht mehr. 

Wie der Bund seine Entscheide begründet: 

Daniel Solèr, Gemeindepräsident der Gemeinde Lumnezia, zu der Cons und Degen gehören, sagt auf Anfrage von RTR, man sei bereits vor einiger Zeit darüber informiert worden, dass es Änderungen im Inventar geben werde, und nehme diese zur Kenntnis.

Auf der Isos-Liste zu stehen, könne ein Faktor sein, der Touristinnen und Touristen anziehe. Dass man jetzt etwas verlieren werde, weil Degen nicht mehr Teil des Bundesinventars ist, glaubt Solèr nicht. 

Man habe keinen Fehler gemacht, indem man die Baubewilligungen für die neuen Häuser erteilt habe. Es sei zwar wichtig, die Dorfkerne zu schützen, daraus entstehe der Charakter jedes Dorfes. Aber der Schutz dürfe die Entwicklung nicht verhindern: «Wir sind kein Museum. Es ist schön, dass es diese gepflegten Dorfkerne gibt. Aber wir müssen immer auch schauen, wie man vorwärtsgehen und vielleicht auch wachsen kann.»

Es sei wichtiger, dass die Leute im Val Lumnezia wohnen können, als um jeden Preis auf einer Bundesinventarliste zu stehen. 

So müssten zum Beispiel junge Familien die Möglichkeit haben, im Tal zu bleiben oder zurückzukehren. Wenn alles unter Schutz stehe, könnten sich nicht mehr viele leisten zu bauen, weil die Kosten dann viel höher seien. Als Folge davon müssten die Menschen das Tal verlassen. 

Vielleicht werde es jetzt, nach dem Ausscheiden aus dem Inventar, auch etwas einfacher, wenn es darum geht, über ein Baugesuch in Degen zu entscheiden. Die Gemeinde sei ausreichend sensibilisiert und werde auch künftig auf den Ausgleich achten, sagt Solèr: «Es braucht diese Mischung aus altem Charakter und Modernem.»

RTR, Actualitad, 1.5.2026, 9:04 Uhr; wilh

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