Im Januar 2024 wurde publik, dass die Nestlé-Marke Henniez ihr «natürliches» Mineralwasser mit Aktivkohle filterte. Laut Gesetz muss Wasser aber natürlich rein sein, damit es als «natürliches Mineralwasser» verkauft werden darf.
Die Filterung von Pestizidrückständen bei Henniez erfolgte heimlich, ohne das Wissen der Öffentlichkeit oder der Behörden. In der Folge musste die Firma das Filtersystem zurückbauen.
Ein Ausschnitt aus dem RTS-Bericht mit deutschen Untertiteln:
In einem Bericht des Waadtländer Kantonschemikers vom März 2023, der dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) vorliegt, steht, dass nach der Filtrierung «gewisse Quellen abgeleitet werden, um ihre Präsenz im Endprodukt zu minimieren». Das heisst: Das Wasser ist durch Pestizidrückstände – primär Chlorothalonil – so stark verschmutzt, dass es teilweise unbrauchbar ist.
Das Unternehmen Nestlé Waters bestätigt das, wenn auch mit etwas Zurückhaltung: «In Henniez setzt das Mineralwasser, das nicht für die Abfüllung verwendet wird, einfach seinen natürlichen Weg durch Boden, Grundwasser und Gewässer fort.»
«Pragmatische Lösung»
In den Dokumenten zeigt sich auch, wie Henniez mit den Behörden interagierte. Es finden sich Vorschläge für ein gemeinsames Essen, organisierte Besuche am Abfüllstandort, Gesuche um Ausnahmeregelungen oder Gesetzesänderungen.
Eine Powerpoint-Präsentation vom November 2021, die am Standort von Nestlé Waters den Waadtländer Behörden sowie dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit BLV gezeigt wurde, hatte das Ziel, eine «pragmatische Lösung» zu finden, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden: «Die Konsumenten sind sehr sensibel gegenüber dem Kontaminationsrisiko, selbst wenn die Werte die für die Gesundheit definierten Grenzwerte nicht überschreiten, können die Konsequenzen für das Geschäft und den Ruf dramatisch sein», steht auf einer der Folien.
Mischung anpassen
Seit dem Filtrierungsstopp passt Henniez die Mischung der verschiedenen Wasserquellen an. Der Mix soll die gesetzlichen Grenzwerte für Pestizidspuren nicht überschreiten.
Diese Lösung, also verschmutztes und weniger verschmutztes Wasser zu mischen, geht klar hervor aus der Präsentation von Nestlé Waters. Sie ist Teil eines Vorschlags, mit dem die Produktion nach Abbau der Filteranlagen aufrechterhalten werden soll. «Wir würden diese Filterung entfernen und den Mix verwalten, um sicherzustellen, dass wir unter dem Grenzwert bleiben, aber mit Spuren. Dabei würden wir die Reputationsrisiken in Kauf nehmen.»
Nestlé Waters bestätigt diese Praxis und präzisiert, dass man dies auch aus anderen Gründen tue.
14 Jahre Leitungswasser
Aus den Dokumenten, die RTS erhalten hat, geht auch die Chronologie der Entwicklungen in Henniez detailliert hervor: die Installation der Aktivkohlefilter 2008, die Entdeckung des Systems 2020 und der Abbau 2022. Es zeigt, dass Henniez während 14 Jahren Wasser als «natürliches Mineralwasser» verkaufte, das im Wesentlichen wie gefiltertes Leitungswasser war – und dies zu einem erhöhten Preis.
Ein Gesundheitsrisiko bestand und besteht indes nicht. Das Unternehmen bestätigt, dass das Mineralwasser immer «mit vollem Vertrauen» konsumiert werden konnte.