An einem nasskalten Sonntag schleicht «Isi» durch die Vorgärten der Genossenschaftssiedlung am Basler Stadtrand, überquert die verkehrsberuhigten Strässchen und wird am Abend noch einmal von Nachbarn in den umliegenden Schrebergärten gesichtet.
Dann bleibt das Kätzchen für zwei Tage verschollen. Die Suchaktionen der Katzenbesitzerin und ihrer kleinen Tochter bleiben erfolglos – bis «Isi» plötzlich wieder auftaucht, auf der Website der Schweizerischen Tiermeldezentrale.
Auf Euphorie folgt Verwunderung. Als die Besitzerin die angegebene Nummer anruft, wird sie kritisch befragt. Wie sich herausstellt, hat bereits eine andere Frau behauptet, das Kätzchen gehöre ihr. Und: Die wirkliche Besitzerin gibt an, dass «Isi» gechippt sei. Die Finderfamilie war jedoch bereits bei einem Tierarzt mit der Katze – dieser fand keinen Chip.
Die Verwirrung ist perfekt.
Schliesslich klärt ein Anruf bei «Isis'» Tierarzt alles auf. Er bestätigt, dass die Katze der Familie gehört und gechippt sei. Der Chip sei wohl verrutscht oder defekt.
Wenn eine Katze nicht gechippt ist, sollte man eindeutige Belege einfordern: Fotos, das Impfbüchlein, Tierarztrechnungen.
Der Fall zeigt: Bei vermissten Tieren empfiehlt sich genaues Hinschauen. So warnten Fedpol und die Schweizerische Tiermeldezentrale (STMZ) schon vor Jahren vor Betrugsversuchen.
Bernadette Christen, Geschäftsführerin der STMZ, spricht von einem vorbildlichen Vorgehen der Finderfamilie bei der vermissten «Isi»: «Wenn eine Katze nicht gechippt ist, sollte man eindeutige Belege einfordern: Fotos, das Impfbüchlein, Tierarztrechnungen.»
Tierhaltenden empfiehlt Christen, eine Vermisstmeldung bei der STMZ aufzugeben. Das erleichtert im Zweifelsfall die Beweisführung und kann die Gefahr von Betrugsversuchen eindämmen.
Die STMZ kennt vereinzelte Fälle, in denen angebliche Besitzer versuchten, sich vermisste Haustiere anzueignen. Wie häufig das vorkommt, kann die Meldestelle aber nicht beziffern. «Wir erhalten generell wenig Rückmeldungen, was mit den Tieren passiert ist.»
Der letzte Strohhalm
Aber was bringt Menschen dazu, sich als Besitzer auszugeben? Christen kann nur spekulieren. Es müsse aber nicht zwingend böse Absicht dahinterstecken. «Manche Leute suchen über lange Zeit eine vermisste Katze und klammern sich an jeden Strohhalm. Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben.»
Auf Anfrage kann die Kantonspolizei Zürich «nicht ausschliessen, dass es in emotional belastenden Situationen zu Betrugsversuchen kommt. Konkrete Fallzahlen oder eine Häufung der Delikte liegen uns aber nicht vor».
Die Kapo Zürich empfiehlt, die Übergabe gefundener Tiere über offizielle Stellen wie Tierheime, Tiermeldestellen oder Tierärzte abzuwickeln.
Die falschen Finder
Bekannter sind den Strafverfolgungsbehörden Betrugsversuche durch falsche Finder. Also Menschen, die sich bei verzweifelten Besitzern melden und angeben, ihr Haustier gefunden zu haben. Verbunden mit finanziellen Forderungen, so etwa für Tierarzt- und Transportkosten.
Deborah Bätscher von der Stiftung für das Tier im Recht rät Tierhaltenden, «keine Überweisungen oder ähnliche Zahlungen zu leisten – vergleichbar mit anderen bekannten Betrugsmaschen».
Bernadette Christen von der Schweizerischen Tiermeldezentrale mahnt an, gerade in der Trauer über einen Verlust wachsam zu bleiben und zweifelsfreie Belege einzufordern. «Ein Warnzeichen ist insbesondere, wenn vermeintliche Finder Druck aufsetzen und Fristen für eine Bezahlung setzen.»