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Ethnophaulismen in der Schweiz Wie wir uns gegenseitig auf den Sprachschlips treten

Im Ausland als «Kuhschweizer» betitelt, geizen wir auch im Inland nicht mit spöttischen Bezeichnungen für andere: von «Bourbines» über «Tschifeler» bis «Züzis». Wir bringen Ordnung ins «Fadezeinli».

Simon Leuthold

Redaktor Literatur und Mundart

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Simon Leuthold ist SRF-Literaturredaktor und spürt in dieser Funktion regelmässig auch Sprach- und Dialektfragen aus dem Publikum nach.

Warum gibt es zwischen den Schweizer Regionen so viele verschiedene Spottbezeichnungen?

Im Kern geht es darum, sich voneinander abzugrenzen: «Wir hier, die anderen dort.» Dabei spielt auf jeden Fall der Stolz, zur «eigenen» Gruppe zu gehören, eine grosse Rolle. Die jeweils anderen werden mit sogenannten Ethnophaulismen abgewertet. Das gilt nicht nur innerhalb der Schweiz. Allerdings ist hierzulande für die Identität vieler Menschen das Gefühl wichtig, zu einer bestimmten Region zu gehören. Das spiegelt sich beispielsweise auch im Stolz auf den eigenen Dialekt. Laut älteren soziologischen Studien aus den USA gibt es umso mehr Ethnophaulismen für eine bestimmte Gruppe, je mehr Vorurteile über sie kursieren.

Ethnophaulismen in der Schweiz erklärt

Was hat es mit dem Begriff «Ethnophaulismus» auf sich?

Der Begriff ist eine Wortschöpfung des Psychologen Abraham Roback. «Ethnophaulismus» ist zusammengesetzt aus zwei altgriechischen Wörtern: éthnos («Volk, Volksstamm») und phaúlos («gering, wertlos, schlecht»). Ethnophaulismen sind also im Wortsinn abwertende Begriffe, die sich auf eine bestimmte Gruppe von Menschen beziehen. Diese Gruppen werden in aller Regel von aussen definiert, etwa aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, manchmal aber auch durch religiös, rassistisch oder sexistisch motivierte Kriterien.

Weinberg im Lavaux in der spätsommerlichen Abendsonne, im Hintergrund der Genfersee
Legende: «welsch» Die Bezeichnung «welsch» ist in der Deutschschweiz geläufig für alles, was der französischsprachigen Schweiz zugeordnet wird. Das ursprünglich althochdeutsche Wort «wallahisc» bedeutet einfach «aus dem romanischen Bereich stammend». Trotzdem wird der Begriff «welsch» in der Romandie manchmal als beleidigend aufgefasst. istockphoto

Darf man solche Bezeichnungen also eigentlich gar nicht benutzen?

Tatsächlich gibt es eine grosse Anzahl Ethnophaulismen, deren Gebrauch heute in der Schweiz unter die Strafnorm gegen Diskriminierung und Hass fällt – darunter viele rassistisch motivierte, historische Fremdbezeichnungen.

Rassismusstrafnorm in der Schweiz

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Die Schweizer «Strafnorm gegen Diskriminierung und Aufruf zu Hass» stellt Handlungen unter Strafe, mit denen Menschen aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Religion oder sexuellen Orientierung in der Öffentlichkeit das gleichberechtigte Dasein ausdrücklich oder implizit abgesprochen wird.

Weitere Informationen: www.ekr.admin.ch

Viele der regionalen Spottbezeichnungen in der Schweiz sind harmloser, etwa «Tschifeler» und «Reisseckler» für Menschen aus Ob- und Nidwalden, «Züzis» für Leute aus Zürich oder «Untschen» für die Bevölkerung Grindelwalds. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Unter dem Strich zählt nicht, was gemeint war, sondern was bei den angesprochenen Personen ankommt. Immer wieder fühlen sich beispielsweise Menschen aus der Romandie beleidigt durch die Bezeichnung «welsch», obwohl viele Leute in der Deutschschweiz den Begriff als nicht wertend und objektiv einschätzen.

Luftatfnahme der Stadt Basel bei Sonnenaufgang. In der Bildmitte der Rhein
Legende: «Bebbi» «Bebbi» wird in weiten Teilen der Schweiz synonym für Basels Stadtbevölkerung gebraucht. Ursprünglich ist «Bebbi» eine Koseform des Vornamens Johann-Jakob, der im bürgerlichen Basel des 18. und 19. Jahrhunderts besonders häufig war. SRF/Christian Bieri

Lassen sich die Bezeichnungen kategorisieren?

Häufig geht es zum Beispiel um Stereotype aus dem Bereich der Kulinarik: etwa verschiedene Ausdrücke rund um Spaghetti oder Pizza für Menschen aus Italien, mit Fröschen für Frankreich oder mit Knödeln für Tschechien. Manchen Gruppen werden bestimmte Charaktermerkmale nachgesagt: Die Bezeichnung «Gummihälse» für Deutsche wird damit in Verbindung gebracht, dass junge deutsche Ärztinnen und Ärzte beim Arbeitsantritt in Schweizer Spitälern gegenüber ihren Vorgesetzten besonders heftig genickt haben sollen, und im Tessin wurden Menschen aus der Deutschschweiz früher gern als «i zücchin» betitelt – als sture Kürbisköpfe. Manchmal wird der Name einer Region zum Synonym für die Angehörigen eines ganzen Landes («Schwaben» für Deutsche), und manchmal geht es um Besonderheiten, die zur Region gehören: Das Mundartwort «Untsche» («Sack») ist beispielsweise ausschliesslich in Grindelwald gebräuchlich und wurde wohl deswegen zum Übernamen für die Ortsansässigen.

 

SRF 1, Treffpunkt, 18.3.2026, 10:03 Uhr ; 

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