Im Ausland als «Kuhschweizer» betitelt, geizen wir auch im Inland nicht mit spöttischen Bezeichnungen für andere: von «Bourbines» über «Tschifeler» bis «Züzis». Wir bringen Ordnung ins «Fadezeinli».
Warum gibt es zwischen den Schweizer Regionen so viele verschiedene Spottbezeichnungen?
Im Kern geht es darum, sich voneinander abzugrenzen: «Wir hier, die anderen dort.» Dabei spielt auf jeden Fall der Stolz, zur «eigenen» Gruppe zu gehören, eine grosse Rolle. Die jeweils anderen werden mit sogenannten Ethnophaulismen abgewertet. Das gilt nicht nur innerhalb der Schweiz. Allerdings ist hierzulande für die Identität vieler Menschen das Gefühl wichtig, zu einer bestimmten Region zu gehören. Das spiegelt sich beispielsweise auch im Stolz auf den eigenen Dialekt. Laut älteren soziologischen Studien aus den USA gibt es umso mehr Ethnophaulismen für eine bestimmte Gruppe, je mehr Vorurteile über sie kursieren.
Ethnophaulismen in der Schweiz erklärt
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Bild 1 von 6. «Untschen». Grindelwalds Bevölkerung verdankt ihren besonderen Übernamen dem Mundartwort «Untsche» («Sack, Tüte»), das in dieser Form laut dem Schweizerischen Idiotikon nur in Grindelwald gebraucht wird. Weil das Wort ein sprachliches Alleinstellungsmerkmal des Ortes ist, wurde es zum Übernamen für die Ortsbevölkerung. Bildquelle: Shutterstock/Mikadun.
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Bild 2 von 6. «Tschifeler». Menschen aus Obwalden (im Bild der Kantonshauptort Sarnen) werden in Nidwalden als «Tschifeler» beschimpft. Darin steckt das Mundartwort «Tschifere», ein Tragekorb für den Rücken. Mit solchen «Tschiferen» sollen die Obwaldner nach der Legende die Nidwaldner einst ausgeraubt haben – was sich als historisch falsch herausgestellt hat. Bildquelle: Keystone/Urs Flueeler.
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Bild 3 von 6. «Steibocktschingg». «Tschingg» war in der Schweiz lange vor allem als Schimpfwort für italienische Gastarbeiter in Gebrauch. Es geht zurück auf den Ausruf «cinch à la mora» bei einem beliebten Spiel. Die wenig freundliche Bezeichnung «Steibocktschingg» («Italiener aus dem Steinbockland») für Bündner ist eine Abwandlung davon. Bildquelle: Keystone/Alessandro Della Bella.
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Bild 4 von 6. «Züzi». «Züzi» ist eine Spottbezeichnung für Zürichs Stadtbevölkerung. Es ist eine lautliche Verballhornung der Kurzform des Stadtnamens «Züri». Bildquelle: SRF/Anita Heeb.
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Bild 5 von 6. «Bourbine». In der Romandie werden Menschen aus der Deutschschweiz gelegentlich als «Bourbines» bezeichnet. Hinter «Bourbine» steckt eine französische Aussprache des deutschen Worts «Buchbinder»: Die Deutschschweiz hatte im Spätmittelalter den Ruf, dass dort viele Buchbinder ansässig seien. Bildquelle: Wikipedia/Public Domain.
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Bild 6 von 6. «Zücchin». Ältere Generationen im Tessin verspotteten Menschen aus der Deutschschweiz gern als «i zücchin», weil sie in ihren Augen als besonders stur und engstirnig galten. Darin steckt das italienische Wort «zucca» für Kürbis. «Zücchin» lässt sich also lose mit «sturer Kürbiskopf» übersetzen. Bildquelle: Keystone/Matthias Waeckerlin.
Was hat es mit dem Begriff «Ethnophaulismus» auf sich?
Der Begriff ist eine Wortschöpfung des Psychologen Abraham Roback. «Ethnophaulismus» ist zusammengesetzt aus zwei altgriechischen Wörtern: éthnos («Volk, Volksstamm») und phaúlos («gering, wertlos, schlecht»). Ethnophaulismen sind also im Wortsinn abwertende Begriffe, die sich auf eine bestimmte Gruppe von Menschen beziehen. Diese Gruppen werden in aller Regel von aussen definiert, etwa aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, manchmal aber auch durch religiös, rassistisch oder sexistisch motivierte Kriterien.
Darf man solche Bezeichnungen also eigentlich gar nicht benutzen?
Tatsächlich gibt es eine grosse Anzahl Ethnophaulismen, deren Gebrauch heute in der Schweiz unter die Strafnorm gegen Diskriminierung und Hass fällt – darunter viele rassistisch motivierte, historische Fremdbezeichnungen.
Viele der regionalen Spottbezeichnungen in der Schweiz sind harmloser, etwa «Tschifeler» und «Reisseckler» für Menschen aus Ob- und Nidwalden, «Züzis» für Leute aus Zürich oder «Untschen» für die Bevölkerung Grindelwalds. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Unter dem Strich zählt nicht, was gemeint war, sondern was bei den angesprochenen Personen ankommt. Immer wieder fühlen sich beispielsweise Menschen aus der Romandie beleidigt durch die Bezeichnung «welsch», obwohl viele Leute in der Deutschschweiz den Begriff als nicht wertend und objektiv einschätzen.
Lassen sich die Bezeichnungen kategorisieren?
Häufig geht es zum Beispiel um Stereotype aus dem Bereich der Kulinarik: etwa verschiedene Ausdrücke rund um Spaghetti oder Pizza für Menschen aus Italien, mit Fröschen für Frankreich oder mit Knödeln für Tschechien. Manchen Gruppen werden bestimmte Charaktermerkmale nachgesagt: Die Bezeichnung «Gummihälse» für Deutsche wird damit in Verbindung gebracht, dass junge deutsche Ärztinnen und Ärzte beim Arbeitsantritt in Schweizer Spitälern gegenüber ihren Vorgesetzten besonders heftig genickt haben sollen, und im Tessin wurden Menschen aus der Deutschschweiz früher gern als «i zücchin» betitelt – als sture Kürbisköpfe. Manchmal wird der Name einer Region zum Synonym für die Angehörigen eines ganzen Landes («Schwaben» für Deutsche), und manchmal geht es um Besonderheiten, die zur Region gehören: Das Mundartwort «Untsche» («Sack») ist beispielsweise ausschliesslich in Grindelwald gebräuchlich und wurde wohl deswegen zum Übernamen für die Ortsansässigen.