Temperaturen über 30 Grad, kaum Niederschläge und das tagelang. Die aktuelle Hitzewelle sorgt in der Schweiz für trockene Böden und teilweise tiefe Grundwasserpegel. SRF-Wissenschaftsredaktorin Felicitas Erzinger ordnet ein, wie trocken es in der Schweiz tatsächlich ist und ob wir künftig unseren Umgang mit Wasser überdenken müssen.
Wie besorgniserregend ist die aktuelle Trockenheit in der Schweiz?
Die Trockenheit ist ausgeprägt und dürfte sich in den nächsten Tagen auch weiter verschärfen. Bei sichtbaren Schäden an der Vegetation wie dürren Blättern oder Ernteausfällen spricht man oft von einer Dürre. Je länger die Trockenheit andauert, desto mehr sind die Auswirkungen davon sichtbar. Fast überall in der Schweiz ist das Defizit an Bodenfeuchtigkeit in der Landwirtschaft erheblich und es dürfte sich weiter verschärfen. Wenn es weiterhin so heiss und trocken bleibt, ist mit Folgen zu rechnen.
Selbst für die WC-Spülung wird in der Schweiz Trinkwasser genutzt. Müssen wir in Zukunft auf solchen Luxus verzichten?
Es ist schon recht unglaublich, dass ein Drittel unseres täglichen Wasserverbrauchs die WC-Spülung ausmacht, dass wir da sauberes Trinkwasser nutzen. Ich glaube aber nicht, dass sich das so rasch ändern dürfte. Mit Blick in die Zukunft würde es sich aber lohnen, Alternativen abzuwägen. So könnte beispielsweise leicht verschmutztes Abwasser aus Dusche, Waschmaschine oder Küche genutzt werden.
Wer darf in sehr trockenen Phasen in der Schweiz Wasser nutzen und wer nicht?
An erster Stelle steht die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung. Gesetzlich festgeschrieben ist das zwar nicht, in der Praxis wird das aber so gehandhabt. An zweiter Stelle versucht man in der Regel, Dauerkulturen in der Landwirtschaft zu erhalten, beispielsweise Obstbäume. Die zwei weiteren grossen Zweige sind die Industrie sowie Kraftwerke. Das sind die vier grossen Parteien, die Anspruch auf Wasser erheben. Wie da die Priorisierung ist, ist nicht klar geregelt.
Gibt es überhaupt einen Überblick, wer wie viel Wasser verbraucht in der Schweiz, damit priorisiert werden kann?
Nein, diesen Überblick gibt es nicht. Gut erfasst ist, wie viel Trinkwasser ab Hahn bezogen wird, also über die öffentliche Wasserversorgung. Doch gerade für die Landwirtschaft und auch für die Industrie gibt es keine genauen Zahlen. Dort stammt viel Wasser aus eigenen Quellen oder aus Fliessgewässern. Es gibt grosse Informationslücken, die man nun schliessen möchte, unter anderem, um bei möglichen Engpässen Konflikte zu vermeiden.
Sind wir in der Schweiz gewappnet für extreme Trockenheit?
So richtig bereit ist man hierzulande wohl nicht, oder zumindest nicht überall. Jedoch wächst das Bewusstsein in der Politik, dass Wasser wichtig ist und im Sommer knapp wird. Die nationale Trockenheitsplattform, die seit letztem Jahr in Betrieb ist, ist sicher ein wichtiger Pflasterstein auf dem Weg, gewappnet zu sein. Man kann also sagen: Es tut sich was, wenn auch langsam.
Müssen wir uns «nur» im Sommer an die Trockenheit anpassen oder trocknet die Schweiz generell aus?
Generell wird die Schweiz nicht austrocknen. Übers Jahr gesehen haben wir weiterhin ungefähr gleich viel Wasser, es ändert sich einfach die Verteilung. Es gibt mehr Niederschläge im Winter und Frühling, dafür weniger im Sommer und Herbst. Engpässe gibt es vor allem im Sommer, wenn alles zusammenkommt: Es ist heiss, viel Wasser verdunstet, es regnet wenig, die Schneeschmelze ist gering und gleichzeitig wird viel Wasser für die Bewässerung gebraucht.