Marokko stoppt Nikab-Verkauf «Es ist ein indirektes Verbot der Vollverschleierung»

Marokko verbietet den Verkauf und die Produktion von Nikabs. Die Händler hätten 48 Stunden Zeit, sich von ihren Beständen zu trennen, berichten Medien seit zwei Tagen. Doch warum schweigt die Regierung? Antworten von Maghreb-Kenner Beat Stauffer.

Zusatzinhalt überspringen

Beat Stauffer

Portrait von Beat Stauffer

Friedel Ammann

Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

SRF News: Die marokkanische Regierung hat bisher nicht offiziell über das Verkaufs- und Produktionsverbot von Nikabs informiert. Gilt es nun oder nicht?

Beat Stauffer: Es gilt, aber das Tragen von Ganzkörperschleiern mit Sehschlitz ist weiterhin erlaubt. Zum Handels- und Verkaufsverbot liegen Zirkulare vom Innenministerium vor, die bisher aber nur ausgewählte Städte und Regionen wie etwa den Grossraum Casablanca betreffen. Hinter der Initiative steckt der König.

«  Möglicherweise will man damit auch nur testen, wie die Öffentlichkeit auf das indirekte Nikab-Verbot reagiert. »

Er informiert in diesem Fall sehr defensiv. Warum?

Die Frage des Ganzkörperschleiers ist auch in Marokko sehr heikel. Der Palast will wohl ganz behutsam und Schritt für Schritt vorgehen, um salafistische Kreise im Land nicht unnötig zu provozieren. Möglicherweise will man damit auch nur testen, wie die Öffentlichkeit auf das indirekte Nikab-Verbot reagiert.

Letztlich richtet sich der Beschluss aber doch gegen die Salafisten?

Es geht König Hassan II. dabei ganz eindeutig darum, den Einfluss des wahabitischen Islam der Salafisten in Marokko zurückzubinden. Vor rund 40 Jahren hatte sein Vater dem wahabitischen Islam in Marokko Tür und Tor geöffnet etwa im Erziehungswesen. Heute realisiert man, dass das sehr heikel ist, denn der Wahabismus ist eine rigide und sehr konservative Auslegung des Islam. Im Extremfall produziert er auch Dschihadisten. Jetzt will der König entschieden gegen dieses Phänomen vorgehen.

«  Es geht dem König darum, den Einfluss des wahabitischen Islam in Marokko zurückzubinden. »

Die Wiege des Wahabismus liegt in Saudi-Arabien. Was sagt das Land zum Entscheid des marokkanischen Königs?

Saudi-Arabien ist darüber nicht erfreut. Das Handelsverbot ist für den König auch deshalb eine sehr heikle Gratwanderung, weil Marokko traditionell sehr gute Beziehungen zu Saudi-Arabien sowie den Golfstaaten pflegt und auf deren finanzielle Hilfe angewiesen ist. Im Westen wird der Entscheid des marokkanischen Königs hingegen vielerorts begrüsst. Auch die säkularen Kräfte in Marokko selbst sind damit einverstanden. Wenn man mit fortschrittlichen Frauen in dem Land spricht, stellt man immer wieder fest, dass sie diese Ganzkörperverschleierung kategorisch ablehnen.

«  Für den König ist es ein heikles Unterfangen. »

Droht dem Entscheid des Königs innenpolitischer Widerstand?

Für den König ist es ein heikles Unterfangen. Gegen aussen kann er sich damit als Verfechter eines offenen, toleranten Islam profilieren. Innenpolitisch riskiert er aber neue Fronten. Es könnte auch sein, dass die berühmten Salafisten-Prediger, die er auf die Seite des Staates ziehen konnte, jetzt wieder die Seite wechseln werden.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Warum sind Islamisten in Marokko so beliebt?

    Aus Echo der Zeit vom 7.9.2007

    Marokko wählt heute ein neues Parlament. Die Resultate der Wahl sind zwar noch nicht bekannt, aber es ist sehr wohl möglich, dass die gemässigten Islamisten, PJD, die Wahlen gewinnen und zur stärksten politischen Kraft Marokkos werden.

    Das käme in dem bisher von säkularen Kräften regierten Land einer Wende gleich.

    Jan Tussing