Milliardenindustrie Menschen-Schmuggel

Fabrice Leggeri, Exekutivdirektor von Frontex, und der Schlepper Atef sind beide Protagonisten in einem finanzstarken Gewerbe, das Milliarden mit Flüchtlingen und deren Grenzübertritten nach Europa verdient.

Europäische Wirklichkeit: Während ein Mann auf dem Mittelmeer fischt und die Sonne geniesst, warten gestrandete Flüchtlinge an der Grenze zwischen dem italienischen Ventimiglia und dem französischen Menton. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Europäische Wirklichkeit: Während ein Tourist die Sonne geniesst, warten gestrandete Flüchtlinge an der Grenze. Reuters

Ein Bürogebäude im Geschäftsviertel von Warschau, am Eingang links gelangen die Mitarbeiter und Besucher durch eine Sicherheitsschleuse zur neuen Zentrale von Frontex. «Frontex? Das klingt wie ein Insektenschutzmittel», konstatierte einmal die Bremer Tatort-Kommissarin Inga Lürsen. Was nach einem Pestizid klingt, ist in der Realität die «Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Aussengrenzen».

An der oberen Grenze

Fabrice Leggeri, Exekutivdirektor von Frontex. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fabrice Leggeri, Exekutivdirektor von Frontex. Keystone

Mit dem Aufzug geht es in die oberen Stockwerke. Heller Teppich, viel Leder in Beige und Karamell, die obligatorische Europa-Fahne neben dem Schreibtisch. Der Blick aus dem Fenster schweift über das geschäftige Treiben von Warschau: Das ist das Büro des Exekutivdirektors von Frontex. Fabrice Leggeri, 47 Jahre alt, ist ein französischer Karrierebeamter, höflich und mit kleinem Wohlstandsbauch, der sich unter dem Hemd wölbt.

Seit dem 16. Januar 2015 hat Leggeri den Direktionsposten von Frontex inne. Er übernahm das Mandat just, als weltweit der grösste Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Der Pariser Zeitung «La Croix» erklärte Leggeri in einem Interview am 24. Februar 2015, seine neue Aufgabe gleiche sprichwörtlich der Quadratur des Kreises, denn Europa solle sich aufnahmebereit zeigen und gleichwohl das Geschäft der Schleuser und Schlepper nicht befeuern. Dem Milliardengeschäft Menschenschmuggel will man denn auch Einhalt gebieten.

Frontex identifiziert die Flüchtlingsrouten von Libyen nach Italien und Malta (Zentrale Mittelmeerroute) sowie von der Türkei nach Griechenland (Östliche Mittelmeerroute) als «Hot Spots». Denn hier sind die Schleuser aktiv, hier versuchen Flüchtlinge die Einreise nach Europa. Meist in der Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Hunger, Terror und Krieg.

Frontex und die Schweiz

Aktuell verfügt Frontex über ein Jahresbudget in Höhe von 110 Millionen Euro und 320 Mitarbeiter. Getragen wird Frontex von den Ländern der Europäischen Union (EU) sowie Norwegen, Island, Liechtenstein und der Schweiz. Die Schweiz beteiligt sich mit rund 4 Millionen Schweizer Franken.

An den Frontex-Operationen «Poseidon» und «Triton» sind auch Spezialisten des Schweizer Grenzwachtkorps (GWK) beteiligt. Im ersten Halbjahr 2015 wurden 20 Entsendungen mit insgesamt 590 Einsatztagen unter Schweizer Beteiligung geleistet. Die Schweizer Grenzschützer sind in der Regel jeweils einen Monat im Einsatz.

An der unteren Grenze

An einem dieser «Hot Spots», in einem Café im Istanbuler Stadtteil Akasary, wartet ein syrischer Flüchtling – nennen wir ihn Atef. Atef ist Anfang 30, gross gewachsen und schlank. Er habe 15 Kilo abgenommen. Der Krieg zuhause bringe ihn um. Seit rund zwei Jahren nun lebt er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in der türkischen Metropole. Hier versucht er seiner Familie ein Leben zu ermöglichen – jenseits des gewohnten Standards in seiner Heimat Syrien. Dort hat er zwei Jahre Informatik studiert, hat Japanisch gelernt. Dann kam der Krieg, seine Universität brannte bis auf die Grundmauern ab. Er flüchtete mit seiner Frau in die Türkei, von Aleppo rund 1200 Kilometer nordwestlich nach Istanbul.

Atef und seine Familie sind drei Personen von rund vier Millionen Syrern auf der Flucht. Für Leggeri sind sie «irreguläre Migranten». Denn Atef und seine Frau haben die Grenze ohne formelle Einreise passiert. Gleiches gilt für ihren aktuellen Aufenthaltsstatus in der Türkei. So hat Atef auch keine Arbeitserlaubnis. Die Arbeitsbedingungen seines Brotjobs in einem Internetcafé beschreibt er als prekär: keine freien Tage, keine Krankheitstage, willkürliche Lohnkürzungen. Nur damit kommt er mit seiner Familie nicht fort aus der Türkei nach Schweden oder Deutschland.

Das Facebook-Profil eines Schleppers, der Fluchtwege nach Europa anbietet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Facebook-Profil eines Schleppers, der Fluchtwege nach Europa anbietet. «The Migrants' Files»

So hat Atef das lukrative Geschäft des Schleppergewerbes in der Türkei als schnelle Einkommensquelle für sich entdeckt. Er bewirbt sein Geschäft mittlerweile über seine Facebook-Seite, sein virtuelles «Reisebüro». Und in Aksaray gibt es viele Reisebüros jenseits des herkömmlichen Tourismus. Sie bieten ihre Dienste an, besorgen neue Pässe, vermitteln Fluchtwege, aber auch Drogen und Frauen zur Prostitution. Die Nachfrage bestimmt marktüblich das Angebot.

Die Preise für die Fluchtrouten reichen von wenigen Hundert Dollar für den Transport in einem kaum seetauglichen Boot über die Flucht als getarnter Jet-Ski-Fahrer oder als Reisender auf einem Touristenschiff bis zum «All-inclusive»-Paket per Flugzeug mit falschen Dokumenten für zehntausende Euro. Alle haben aber dasselbe Ziel: Europa.

In dieser Parallelwelt des globalen Menschenhandels hat ein Konsortium von Journalisten um das Recherche-Projekt «The Migrants’ Files» mit Beteiligung des SRF über Monate hinweg Dokumente analysiert und Interviews mit Flüchtlingen, Schleusern, Grenzschützern aber auch Vertretern von Politik, Nicht-Regierungs-Organisationen und privatwirtschaftlichen Unternehmen geführt. Die Recherche zeigt: Das Geschäft mit den Flüchtlingen nach Europa machte seit dem Jahr 2000 mindestens 15 Milliarden Euro Umsatz.

Der Preis für den Grenzübertritt

Leggeri weiss sehr genau um diese Schattenwelt. Doch er ist kein Politiker, er ist ein Technokrat. Über die europäische Migrations- und Flüchtlingspolitik wird in Brüssel entschieden. Jeweils am Morgen nach den EU-Gipfeln gilt es die von der Politik beschlossenen Massnahmen in Warschau umzusetzen. Der Presse liefert Leggeri dann auch einstudierte Worthülsen. Werden die Fragen zu kritisch oder gar persönlich, dann wird die Frage nicht verstanden – ein Kniff, dessen sich der Exekutivdirektor und die Presseverantwortliche Ewa Moncure gleichermassen bedienen. Anders Atef. Er möchte sprechen: «Fragt mich, warum die Syrer nach Europa möchten, fragt mich, warum ich das hier tue.» Seine Rolle fällt Atef sichtlich schwer: vom Flüchtling zum Fluchthelfer zum Schlepper. Aktuell warte eine achtköpfige Familie aus Syrien auf seine Unterstützung.

Für die Flucht aus der Türkei über den Seeweg nach Griechenland und weiter nach Deutschland ruft Atef einen Preis von rund 7000 Euro pro Flüchtling auf. Zum selben Preis kann Atef auch den Transport von der Türkei nach Italien vermitteln. Für die Überfahrt entlang der Östlichen Mittelmeerroute wird ein Touristenschiff mit «5-Sterne-Standard» genutzt. Es gäbe ausreichend zu essen und Schlafplätze für die Flüchtlinge. Auch Bestechungsgelder sind in den Preis bereits eingerechnet. Der erste Kontakt läuft über Mittelsmänner in den jeweiligen Heimatländern der Flüchtlinge. Atef empfiehlt zudem eine Art «Versicherungsmakler»: Die Flucht wird vor Abfahrt per Vorkasse finanziert. Doch der Geldbetrag bleibt im Versicherungsbüro bis zur geglückten Ankunft im Zielland. Bootsbesitzer und Kapitäne erhalten dann rund 5000 Euro pro Flüchtling, rechnet Atef vor. Die Schleuser erhalten 1500 Euro, die Vermittler in der Türkei kassieren um die 500 Euro. Doch wer die Drahtzieher hinter der Reise sind, die einen Erlös von bis zu sechsstelligen Beträgen pro Fahrt einstreichen, das weiss Atef nicht.

Grenzschutz versus Seenotrettung

Die Sommermonate von Juni bis September gelten als Hochsaison. Frontex rüstet sich für die kommenden Monate. Die Frontex-Operationen wie beispielsweise «Poseidon» oder «Triton» werden deshalb verstärkt mit Personal, blau-grauen Kriegsschiffen, dunkelgrün getünchten Helikoptern und weiss-roten Spähflugzeugen. Mittel, die zur Verfügung gestellt werden von den Ländern der Europäischen Union sowie Norwegen, Island, Liechtenstein und der Schweiz, damit Frontex den Auftrag aus dem Schengen-Abkommen erfüllen kann: Grenzschutz.

In Schlauchbooten, Holzbarkassen oder Frachtern versuchen Flüchtlinge, das Mittelmeer zu überqueren. Auf hoher See wird dann SOS gefunkt, Fischer, Handelsschiffe oder Patrouillenboote entdecken die Flüchtlinge. Der Kapitän mischt sich dann meist unter die Flüchtlinge und hofft selbst auf Einlass in Europa. Nach internationalem Seerecht, festgehalten im Genfer Abkommen aus dem Jahr 1949, sind Schiffe zur Seenotrettung verpflichtet. Dies gilt auch für in Frontex-Operationen engagierte Schiffe. «Die ruhigere Wetterlage dürfte Schlepper ermutigen, nicht seetüchtige offene Boote mit noch mehr schutzlosen Personen zu füllen», befürchtet Leonard Doyle, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Atef hat schnell gelernt, dass der Tod schlecht fürs Geschäft der Schlepper ist. Zu schnell verbreiten sich die schaurigen Nachrichten über Soziale Netzwerke wie Facebook oder mobile Kommunikationskanäle wie Whatsapp. Doch allein im vergangen Jahr starben laut der Recherchen von «The Migrants’ Files» mehr als 3500 Personen bei dem Versuch, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. In diesem Jahr sind bereits mindestens 2000 Tode zu beklagen.

Grüne Punkte auf einer Landkarte symbolisieren die Flüchtenden nach Europa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grüne Punkte auf einer Landkarte symbolisieren die Flüchtenden nach Europa. «The Migrants' Files»

Jedes aufgegriffene Boot, jeder aufgehaltene Lastwagen mit menschlicher Fracht wird akribisch im Lagezentrum, dem Frontex Situation Centre (FSC), unweit von Leggeris Büro festgehalten. Auf vier übergrossen Flachbildschirmen wird die Europakarte mit blassgelben und neongrünen Punkten abgebildet. Jede Markierung steht für einen «Vorfall», wie es die Mitarbeiter des FSC bezeichnen. Die blassgelbe Farbe erhält die erste Meldung von Flüchtlingen, die Punkte wechseln ihre Farbe ins Neongrüne, alsbald der «Vorfall» durch Frontex verifiziert wird. Keine Namen, keine Gesichter, keine Schicksale, dafür Zahlen, Statistiken und nüchterne Erklärungsversuche.

Atef war keiner der Punkte, er hat es über die syrische Grenze in die Türkei geschafft. Vielleicht gelingt die Flucht auch bald der achtköpfigen Familie aus Syrien. «Insha'Allah – so Gott will», fügt Atef an.

Die Kooperation «The Migrants' Files»

Hinter der Recherche-Kooperation «The Migrants’ Files» stehen 20 Journalisten, Statistiker und Software-Entwickler sowie das europäische Datenjournalismus-Büro Journalism++. Zu den Medienpartern von «The Migrants’ Files» zählen u.a. Vice News, Le Monde, La Libération, L’Espresso, Süddeutsche Zeitung, Der Standard  und SRF. Das Team wurde für seine Arbeit mit dem Data Journalism Award 2014 und dem European Press Prize 2015 ausgezeichnet. Das Projekt wird teilweise von Journalismfund.eu finanziert.

Mitarbeit: Jakob Espersen, Kristian Holgersen, Nicolas Kayser-Brill und Lise Møller Schilder.

SRF 4 News sowie «Echo der Zeit» am 18. Juni 2015.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel