Die Resultate: 70 Prozent der Böden in Europa sind mit Pflanzenschutzmitteln kontaminiert. Das zeigt eine in der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlichte Studie. Dafür analysierten Forschende der Universität Zürich und neun weitere Forschungseinrichtungen 373 Bodenproben aus 26 Ländern. Unter den 63 gängigen Pflanzenschutzmitteln, die zur Untersuchung standen, wurden Fungizide am häufigsten in den Bodenproben festgestellt. Wirkstoffe gegen Pilze machten also 54 Prozent aller Pestizide aus. Aber auch Herbizide, hier vor allem Glyphosat, und Insektizide fanden sie im Boden. Auch im Wald oder auf Wiesen, wo normalerweise keine Pestizide eingesetzt werden, konnten Pestizidrückstände im Boden festgestellt werden. Wahrscheinlich sei dies auf die Verbreitung des Pflanzenschutz-Sprühnebels durch Winde zurückzuführen, so die Studie.
Die Folgen: Die Studie zeigt, «dass Pflanzenschutzmittel auch für unsere Böden eine sehr grosse Umweltbelastung darstellen», sagt Studienleiterin Maria J. I. Briones von der spanischen Universität Vigo. Einige Wirkstoffe, die nur schwer abbaubar seien, würden jahrelang im Boden bleiben, wo sie langfristig grosse Auswirkungen auf das Bodenökosystem nehmen. Das Problem: Mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln werden nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Bodenorganismen bekämpft. Ein Beispiel dafür sei der Mykorrhiza-Pilz, erklärt Bodenökologe Marcel van der Heijden, Professor am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich. Dieser Pilz spiele bei der Wasser- und Nährstoffaufnahme von Nutzpflanzen eine wichtige Rolle.
Der Nebeneffekt: Während Pestizide dem Mykorrhiza-Pilz schaden, profitieren andere Organismen, insbesondere Arten von Bakterien, vom Pflanzenschutzmitteleinsatz. «Wahrscheinlich, weil andere Organismen reduziert werden», wie Studienerstautorin Julia Königer von der Universität Vigo vermutet. Oft werde nämlich gar nicht bedacht, dass Pestizide auch auf Organismen wirken, die nicht Ziel der eingesetzten Mittel sind. Die schädlichen Auswirkungen auf Vögel, Bienen und andere Insekten seien lange bekannt und dokumentiert. Zum Schutz der Boden-Biodiversität fordern Forschende nun, die Studienergebnisse in den geltenden Vorschriften für Pflanzenschutzmittel zu berücksichtigen.
Schutz und Zulassung: Die Forderung der Forschenden fällt in eine Zeit, in der die EU plant, Pflanzenschutzmittel zeitlich unbefristet zuzulassen. Aus einem Vorschlag der EU-Kommission im Dezember ging hervor, dass die bislang erforderlichen regelmässigen Neuzulassungen für Wirkstoffe abgeschafft werden sollen. Die gefährlichsten Substanzen sollen davon ausgenommen werden. Bislang wird die Zulassung eines aktiven Wirkstoffs in der EU nur für einen begrenzten Zeitraum bis zu 15 Jahren erteilt und muss danach neu bewertet werden. Ohne erfolgreiche Erneuerung läuft die Zulassung aus. Diese Änderung der EU bei Pflanzenschutzmitteln sei rechtswidrig, so das Gutachten mehrerer Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen. Die Pläne der EU-Kommission führten zu einer «erheblichen Absenkung des Schutzniveaus für Umwelt und Gesundheit», kam die Analyse zum Schluss.