Pharmaforschung profitiert von Steuermilliarden

Mit rund 2,8 Milliarden Franken subventioniert ein Konsortium der EU und der Schweiz die Pharmaforschung. Multis wie Novartis und Roche sollen damit zusammen mit europäischen Universitäten dringend benötigte Medikamente erforschen. Nie hatte die Industrie mehr Macht über die öffentliche Forschung.

Als das EU-Kommissariat im Mai 2009 den Forschungsstart ankündigte, wurden grosse Worte gewählt. «Die Champions League für biomedizinische Forschung» sollte es geben, ein «Powerplay» zwischen der Europäischen Union (EU), der Schweiz, Hochschulen und der Pharmaindustrie. Sie planten nichts geringeres als das «Zukunftsmodell» der Pharmaforschung.

«Innovative Medicines Initiative», kurz IMI, heisst das Konsortium, in das auch rund 2,8 Milliarden Franken Steuergelder aus EU-Ländern und der Schweiz fliessen. Die Arzneimittelkonzerne finanzieren Sachleistungen. Das können Kosten für Personal, Laboranalysen oder Räumlichkeiten sein.

Es ist die weltweit grösste öffentlich-private Kooperation in den biomedizinischen Wissenschaften. Mehr als 1200 Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Patientenorganisationen und Regulierungsbehörden nehmen an dem Projekt teil. Das soll den Forschungsstandort Europa stärken und die Entwicklung jener Medikamente und Therapien vorantreiben, die weltweit dringend benötigt werden.

Kritik am «Zukunftsmodell»

Aus der Schweiz kommen über 40 Teilnehmer, darunter die Unternehmen Roche und Novartis sowie die Universitäten Basel, Genf und Zürich. Bis im Jahr 2014 war IMI Teil des EU-Forschungsprogramms FP7, Kategorie «Gesundheit», in welche die Schweiz insgesamt 182 Millionen Franken an Forschungsgeldern investierte.

Recherchen des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel», der belgischen Tageszeitung «De Standaard» und des SRF lassen Zweifel daran aufkommen, dass sich die IMI als Zukunftsmodell eignet. Über Monate hinweg hat der Rechercheverbund Daten des Konsortiums analysiert und mit mehr als 70 Verantwortlichen, Wissenschaftlern und Branchenkennern gesprochen. Ein Blick ins Innere des Forschungsgiganten zeigt: Das Projekt krankt an allen Ecken.

Die Idee hinter der IMI sei gut, hört man aus dem grossen Kreis der Beteiligten. Aber bereits bei der Konstruktion wurden Fehler gemacht. Beteiligte Pharmaunternehmen erlangen über das Konstrukt Kontrolle über die Forschung an europäischen Institutionen. Diese werden wiederum über Steuergelder finanziert. Wissenschaftler haben dagegen kaum Einfluss auf den Kurs der IMI. Die Kontrollorgane der EU haben keinen Einblick in die Details einzelner Projekte.

Die Pharmaindustrie bestimmt die Forschungsagenda

Diese Machtposition kommt der Pharmaindustrie besonders entgegen in einer Zeit, in der ihr Geschäftsmodell harzt. Denn in den nächsten Jahren laufen gleichzeitig so viele Patente aus wie noch nie. Kostengünstige Generika werden im grossen Stil Blockbuster ersetzen, der Profit der laut US-Magazin «Forbes» profitabelsten Branche der Welt wird schmäler. Da die Kosten für die Entwicklung von neuen Medikamenten, je nach Schätzung, bis zu zwei Milliarden Dollar betragen, konzentrieren sich Pharmakonzerne auf die verbleibenden, profitablen Behandlungsfelder. Die Lücke zwischen dringend benötigten Medikamenten und profitablen Geschäftsfeldern wächst.

Diese Lücke soll die IMI schliessen. Doch besonders zu Beginn des Projekts sei das «Missverhältnis» zwischen Investition und Nutzen für Grossunternehmen, KMU und Forschung besonders gross gewesen, sagt Christian Ehler, deutscher Abgeordneter im Europäischen Parlament, der sich mit dem Programm auskennt. «Die Pharmahersteller räumten ihre Forschungsinstitute leer», erklärt Ehler. Das, was zu tun war, würden ja nun andere für sie erledigen, berichtet der Parlamentarier.

Auch der europäische Pharmaverband «European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations» (EFPIA) hat das erkannt. Im Jahr 2011 liess der Verband auf seiner Website verlauten: In manchen Fällen bedeuten die IMI-Projekte enorme Einsparungen für die Pharmaunternehmen, da die IMI-Projekte die Arbeit von Firmen übernehmen, welche diese sonst selbst hätten machen müssen. Der Paragraph wurde später gelöscht.

Die Idee zur Konstruktion der IMI stammt von den führenden Pharmaunternehmen, deren Lobbyisten und der EFPIA. Wesentlich beteiligt an der Gründung waren unter anderem der ehemalige Forschungschef von Roche, Jonathan Knowles, sowie der heutige Roche-Verwaltungsrat Franz Humer. Dem Schulterschluss auf Papier folgte die Umsetzung in der Praxis, die Pharmaunternehmen heute entscheidend bevorzugt. Die Forschungsagenda wird von Pharmavertretern entwickelt. Erst bei der Bewertung der eingereichten Anträge dürfen Forscher und kleine und mittlere Unternehmen mitreden.

SRF hat interne Dokumente zum Verlauf mehrerer Forschungsprojekte eingesehen. Sie zeigen, dass akademische Projektpartner oft eine komplett andere Liste an Arbeitsthesen vorschlagen als diejenigen die es dann in die Forschungspraxis schaffen.

Auch Nichtregierungsorganisationen wie «Health Action International», die sich für den Zugang zu bezahlbaren und sicheren Medikamenten von hoher Qualität einsetzt, übt Kritik. «Bei einem IMI-Projekt wird das Risiko, dass die Forschung missglückt, vom Steuerzahler mitgetragen», sagt Tessel Mellema, Mitarbeiterin der NGO. «Wenn es dagegen ein gutes Resultat gibt, wird dieses privatisiert: Die Pharmafirmen können die Forschungsergebnisse für die Entwicklung ihrer Medikamente benutzen, ohne dass sie irgendeine Verbindlichkeit für die Gesellschaft gegenüber eingehen – über faire Preise von neuen Medikamenten, zum Beispiel.»

Die IMI selbst verweist auf mehr als 600 wissenschaftliche Publikationen in wissenschaftlichen Journals. IMI-Sprecherin Catherine Britt berichtet von Fortschritten in der Diabetesforschung oder der Entwicklung eines patentfähigen, «revolutionären Ultraschallgeräts.» Ausserdem gäbe es nun auch ein europäisches Netzwerk zum Test neuer Antibiotika.

Und die Sprecherin der EU-Kommission, Lucia Caudet, erklärt: «Heutzutage kann kein Unternehmen und keine Organisation allein die grossen Herausforderungen einlösen, die in der Entwicklung wichtiger Arzneimitteln für die Gesundheit vieler Menschen liegen.» IMI stehe für «Open Innovation» – für offene Innovation – und biete eine Plattform, auf der die Teilnehmer Daten und Wissen teilen könnten. «Der kooperative Ansatz hat sich bereits in vielen Bereichen bewährt», sagt Caudet.

Nur die Hälfte der WHO-Ziele berücksichtigt

Doch die Dominanz der Industrie spiegelt sich auch in den Bereichen wieder, in denen bei IMI geforscht wird. Im Jahr 2004 legte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren ersten Bericht zu dringend benötigten Medikamenten vor. Darin listet die WHO unter anderem neue Antibiotika, Medikamente gegen Alzheimer, Schlaganfall, Diabetes und Depression auf.

Die Liste umfasst insgesamt 25 Forschungsziele, sogenannte Indikationen – doch davon findet sich nur rund die Hälfte in den Forschungsprojekten der IMI wieder. Malaria, Herzerkrankungen und Arthrose werden beispielsweise gar nicht erforscht. Gleichzeitig häufen sich die Projekte bei Krankheitsgebieten, in denen sich laut Branchenkennern viel Geld verdienen lässt. So gibt es bei IMI etwa sechs Projekte zu Diabetes und fünf Schwerpunkte zu Alzheimer.

Auf Nachfrage verweist die Pressestelle der IMI darauf, dass sehr wohl viele der Krankheiten erforscht werden, die auf der WHO-Liste stehen. Die Ausrichtung der Forschung in der ersten Projektlaufzeit sei allerdings Ergebnis einer «breit angelegten Konsultation mit den wichtigsten Beteiligten aus der Biomedizin» gewesen, erklärt IMI-Sprecherin Catherine Brett.

Intransparenz bei Geldflüssen und fehlende Kontrolle

Nicht nur über die Rolle der Pharmanternehmen bei der Bestimmung der Forschungsagenda schweigt sich die IMI aus, sondern auch über deren Mitarbeit.

Eigentlich sind die teilnehmenden Pharmaunternehmen verpflichtet, die Hälfte aller Kosten mit eigenen Sachleistungen zu bestreiten. Ob und wie sie das tun, ist aber unklar. Wie viel einzelne Firmen beisteuern, lässt sich nicht ermitteln. Gemäss IMI-Pressestelle werden nur aggregierte Projektzahlen veröffentlicht.

Wohin das Geld der EU-Kommission fliesst, überprüft der Europäische Rechnungshof mit den Bilanzen der IMI. Doch wer kontrolliert den Beitrag der Pharmaindustrie? Das Europäische Parlament beklagte im Jahr 2013 in einem Bericht zur IMI, dass auch der Rechnungshof die Sachleistungen der Industriepartner nicht prüfen dürfe – obwohl sie in der Bilanz der IMI auftauchen.

Beschwerden über die Intransparenz der IMI kommen auch von der Basis. Die deutschen Biotech-Unternehmen beklagen im Jahr 2012 in einem Brief an die Abteilung der heutigen IMI-Chefin Irene Norstedt einen «eklatanten Mangel an Transparenz gegenüber den Forschungsunternehmen selbst, aber auch gegenüber den Mitgliedsstaaten.»

Stärkere Kontrolle bei IMI 2

Nun soll alles anders werden. Im letzten Jahr wurde vom europäischen Parlament eine Fortsetzung der IMI bewilligt – IMI 2 – inklusive Budgetaufstockung von 2 auf 3,3 Milliarden Euro. Dabei muss die IMI stärkere Projektkontrolle und bessere Überwachung der Ergebnisse gewähren.

Doch bereits gibt es neue Kritik. «Ich bin gespannt, wie das funktionieren soll», sagt Inge Grässle, Vorsitzende des Haushaltkontrollausschusses des Europäischen Parlaments. Die EU-Parlamentarierin schaute sich den IMI-Haushalt und die Audits der EU-Kommission genauer an. Die Kontrollen der Einnahmen und Ausgaben würden zwar regelmässig gemacht, befand die Parlamentarierin. Aber: «Die Fehler, welche die Kontrolleure durch Audits entdecken, werden nur der IMI selbst mitgeteilt», kritisiert Grässle. «Das ist so, als hätte man eine Steuerprüfung im Haus -den Abschlussbericht bekäme dann aber nicht das Finanzamt, sondern nur man selbst zugestellt.»

Die IMI selbst weist die Kritik von sich. Die IMI sei ein junges Projekt, da kalkuliere man zunächst mit Hochrechnungen. «Wir können keine abschliessenden Zahlen bekanntgeben, bevor nicht das letzte Projekt abgeschlossen und die letzte Zahlung getätigt und überprüft ist.» sagt die Sprecherin der IMI Catherine Brett. Das sei nicht vor 2020 der Fall. Man müsse sich eines bewusst sein, sagt Brett: «Es gibt nun mal keine Forschung ohne Risiko.»

Mitarbeit: Pascal Biber, Christina Elmer, Timo Grossenbacher, Sylke Gruhnwald, Maximilian Schäfer.

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