«Tagesgespräch» aus Piräus: Über 3000 Flüchtlinge harren aus

Wer aus dem Nahen Osten nach Europa flüchtet, landet irgendwann im Hafen von Piräus. Zwischen 3000 und 4000 Menschen harren immer noch aus, doch die griechische Regierung will den Hafen bis zum 1. Mai 2016 räumen. Wie weiter? Susanne Brunner spricht mit den Helferinnen und Helfern vor Ort.

Ein Knabe sitzt in einer Halle - einem chaotischen Platz, rundum schlafen Leute. Es hat viele Taschen, die rumliegen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Hafen von Piräus hat sich dieser Junge seinen Platz in einem Terminal gesichert. Keystone

Es ist kein Bild, das man als westlicher Tourist sehen will. Die wilde Zeltstadt am Hafen von Piräus besteht aus kleinen Iglus, die Reihe an Reihe stehen. Dazwischen schlafen Kinder, Jugendliche, Männer, Frauen fast Schulter an Schulter. «Die Mindestbedingungen an humanitären Standards werden hier nicht eingehalten. Die Unterkunft ist ein eigentlicher Skandal», kritisiert Constance Theisen. Sie leitet das Athener Büro der Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières (MSF). So teilen sich in einem Sektor 800 Menschen zwei Duschen ohne Warmwasser. Auch an genügend mobilen Toiletten fehlt es.

«  Die Unterkunft ist ein eigentlicher Skandal »

Constance Theisen
Leiterin MSF Athen

In diesem Chaos arbeitet seit einiger Zeit auch der Schweizer Bastian Seelhofer. Er verteilt mit seinem kleinen Team Essen. Sein Hilfswerk «Be aware and share» hat er letzten September gegründet. Wieso sein Engagement? «Wenn mich später mal meine Kinder fragen, was ich in dieser Situation getan habe, dann will ich sagen können, dass ich das Bestmögliche versucht habe und ich am richtigen Ort gewesen bin.» An diesem Tag verteilt er das Frühstück. Das Problem im Lager sei, dass ein Caterer immer das gleiche Essen serviere - Pasta und Linsensuppe. Viele hier würden deshalb krank, hätten Verdauungsprobleme.

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«Tagesgespräch» Spezial

Das Moderationsteam des «Tagesgespräch» ist diese Woche auf der Flüchtlingsroute unterwegs und spricht mit den Menschen, die diese riesige humanitäre Herausforderung meistern wollen – mit freiwilliger Arbeit; mit dem Ruf nach Zäunen; mit Ordnung und Nächstenliebe. Unterschiedliche Ansätze, die Fragen provozieren.

MSF kritisiert die EU

«Die Situation im Hafen von Piräus ist die gleiche, wie für die anderen 40'000 Migranten und Flüchtlinge in den anderen offiziellen und inoffiziellen Lagern in Griechenland», gibt Constance Theisen von MSF zu bedenken. Griechenland sei überfordert und die EU setze die Prioritäten anders. «Die EU will vor allem die Grenzen schliessen. Sie fragt sich aber nicht, wie man die Erstaufnahmelager in Griechenland organisieren müsste, wie man die Migranten und Flüchtlinge korrekt aufnehmen könnte.» Ihre Organisation leiste also jene Arbeit, die eigentlich der Staat erfülle müsse.

Dazu komme, dass die Menschen, die jetzt auf den griechischen Inseln ankämen, keine Ahnung hätten, wie es mit ihnen weitergeht. «Sie werden dort festgehalten und keiner weiss, was mit ihnen passiert. Und sie wissen nicht, was sie für legale Wege haben, um in Griechenland zu bleiben.» Am Abkommen zwischen der Türkei und der EU lässt Theisen denn auch kein gutes Haar. «Dieses Abkommen ist für uns völlig inakzeptabel, weil wir von Flüchtlingen sprechen, weil wir von Familien sprechen.» Die EU sage damit, sie wolle diese Menschen nicht bei ihr, aber sie habe kein Problem damit, wenn sie bei ihrem Nachbar [der Türkei] bleiben - der Nachbar, bei dem bereits drei Millionen Flüchtlinge lebten.

«  Griechenland ist zu einem Gefängnis für 40'000 Flüchtlinge geworden »

Bastian Seelhofer
Freiwilliger Helfer

«Griechenland ist zu einem Gefängnis für 40'000 Flüchtlinge geworden», folgert Bastian Seelhofer. Derweil will Griechenland die Situation am Hafen von Piräus in den Griff bekommen. Die wilde Zeltstadt muss bis Ende April weg sein. Die Regierung versucht, die Flüchtlinge zu überreden, in die Lager im Landesinneren umzuziehen. Doch vorerst bleiben bis zu 4000 Menschen dort.