Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

100 Jahre Jugenddorf Knutwil Wo auffällige Jugendliche zurück ins Leben finden

Heute bekommen kriminelle oder süchtige Jugendliche eine neue Chance. Vor 100 Jahren war Umerziehung das Ziel.

Seya steht auf einem Baugerüst mit einer Spraydose in der Hand. «Spray von oben nach unten», sagt ihm Vero Schmidt. Die Luzerner Graffiti-Künstlerin leitet im Rahmen einer Projektwoche einen Workshop im Jugenddorf Knutwil. Die Luzerner Institution feiert 2026 ihr 100-jähriges Bestehen.

Seya hilft beim Malen eines Wandbilds
Legende: Der 19-jährige Seya kam vor drei Jahren ins Jugenddorf Knutwil. Davor sei ihm die Lehre gekündigt worden. Er habe ein Jahr lang nichts gemacht und habe sich nicht um seine Zukunft gekümmert. SRF

«Oh», entfährt es Seya plötzlich. Er ist ausgerutscht, die Farbe ging daneben. «Macht nichts», sagt Vero Schmidt und ermutigt ihn, weiterzumachen. Seya ist einer von 46 Jugendlichen, die aktuell im Jugenddorf leben.

Verantwortung statt Unterordnung

Es sei wichtig, dass sich die Jugendlichen willkommen fühlten, sagt Kathrin Burkhardt. Sie leitet das Jugenddorf seit über 20 Jahren. Es ist ein Ort für männliche Jugendliche und junge Erwachsene, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind.

Jugenddorf Knutwil aus der Vogelperspektive
Legende: Das Jugenddorf Knutwil ist eine Ansammlung von neun Häusern. Finanziert wird die Institution grösstenteils vom Kanton Luzern. SRF

«Am Anfang kommt niemand gerne zu uns», sagt sie. Die Jugendlichen werden unter anderem von der Jugendanwaltschaft eingewiesen und bleiben bis zu drei Jahre in Knutwil. Da müssen sie sich einem klar strukturierten Tagesablauf anpassen, beginnen eine Lehre oder gehen zur Schule.

Auch er sei nicht wirklich gerne ins Jugenddorf gekommen, sagt Levin, der seit etwas mehr als einem Jahr in Knutwil lebt. «Ich hatte den Anschiss, weil ich nicht wusste, was mich erwartet», so der 17-Jährige. Und trotzdem sei da ein «Hoffnungsschimmer» gewesen, durch den Aufenthalt zurück ins Leben zu finden.

Levin am Rappen
Legende: Levin widmet sich in der Projektwoche dem Texten und Aufnehmen eines eigenen Rap-Songs. SRF

«Unser Ziel ist es, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren», erklärt Kathrin Burkhard. Dafür sei es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Zeit im Jugenddorf mitgestalten könnten. «Das heisst nicht, dass sie alles alleine entscheiden können. Aber sie können ihre Sicht auf die Dinge einbringen. Das war früher anders, da ging es bei der Erziehung um Unterordnung.»

«Belehre!»

Die heutige zivile Institution wurde 1926 als katholisches Erziehungsheim St. Georg gegründet. Im ersten Jahresbericht steht, dass «gefährdete» katholische Jugendliche im Heim «zu brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft» erzogen werden sollten. Aus den 1940er-Jahren sind die damaligen Grundsätze für die Erzieher der Jugendlichen im Heim überliefert: «Beuge vor!», «Lebe vor!», «Belehre!».

Missbrauch im Erziehungsheim St. Georg

Box aufklappen Box zuklappen
Mann in braunem Shirt in dunklem Raum.
Legende: Mario Delfino ging mit seiner Geschichte als Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen an die Öffentlichkeit. SRF

Aus der Zeit der kirchlichen Leitung des Heimes in Knutwil wurden in den letzten Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt. Mario Delfino, der von 1968 bis 1972 durch die Behörden in Heim versorgt wurde, berichtet von Gewalt und sexuellen Übergriffen. Verübt wurden sie durch einen Ordensbruder, der im Heim arbeitete. Unter anderem im SRF DOK «Heim und Verdingkinder – Die Aufarbeitung eines grossen Unrechts» erzählt er davon.

Die Zöglinge, wie die Jugendlichen damals genannt wurden, sollten durch «die sichtbare und unsichtbare Gegenwart des Erziehers» zum Guten angespornt werden. Dies schliesse jedoch Bewährung nicht aus. Der Zögling habe sich für sein Tun und Lassen zu verantworten.

Jugendliche in Schreineri
Legende: Die Jugendlichen waren schon früh angehalten, in einer der diversen Werkstätten im Jugenddorf zu arbeiten. Die Schreinerei wurde 1928 eröffnet. SRF

Zudem sollten sie «die Arbeit als Wohltat kennen und schätzen lernen». Zum Erziehungsheim gehörten unter anderem ein Landwirtschaftsbetrieb und eine Schlosserei. Die Jugendlichen mussten arbeiten, zum Teil machten sie auch einen Lehrabschluss.

Mehr Freiheit, höhere Anforderungen

Nachdem das katholische Heim 1972 in eine zivile Institution übergegangen war, wurde vieles neu geregelt. Die Jugendlichen lebten nun in Wohngruppen und hatten mehr Rückzugsraum.

Kathrin Burkhardt im Gespräch mit einem Jugendlichen
Legende: Kathrin Burkhardt leitet das Jugenddorf seit über 25 Jahren. Die Fälle seien komplexer geworden, sagt sie. Die Jugendlichen kämen nicht mehr nur wegen Sucht oder Gewalt – seit Corona spiele auch das Psychische stark mit. SRF

Seither wurden die pädagogischen Ansätze stetig weiterentwickelt. Im Zentrum steht die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Bei Seya ist das angekommen. «Mein Ziel ist ein normaler Job und eine eigene Wohnung», sagt er, der eine Lehre als Schreiner angepackt hat.

Aus dem Jugenddorf nehme er mit: «Anstand und Achtung von Grundregeln.» Dann widmet er sich wieder dem Bild, das er zum Jubiläum der Institution auf eine der Hausfassaden sprayen darf.

Regionaljournal Zentralschweiz, 4.5.2026, 17:30 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel