Seya steht auf einem Baugerüst mit einer Spraydose in der Hand. «Spray von oben nach unten», sagt ihm Vero Schmidt. Die Luzerner Graffiti-Künstlerin leitet im Rahmen einer Projektwoche einen Workshop im Jugenddorf Knutwil. Die Luzerner Institution feiert 2026 ihr 100-jähriges Bestehen.
«Oh», entfährt es Seya plötzlich. Er ist ausgerutscht, die Farbe ging daneben. «Macht nichts», sagt Vero Schmidt und ermutigt ihn, weiterzumachen. Seya ist einer von 46 Jugendlichen, die aktuell im Jugenddorf leben.
Verantwortung statt Unterordnung
Es sei wichtig, dass sich die Jugendlichen willkommen fühlten, sagt Kathrin Burkhardt. Sie leitet das Jugenddorf seit über 20 Jahren. Es ist ein Ort für männliche Jugendliche und junge Erwachsene, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind.
«Am Anfang kommt niemand gerne zu uns», sagt sie. Die Jugendlichen werden unter anderem von der Jugendanwaltschaft eingewiesen und bleiben bis zu drei Jahre in Knutwil. Da müssen sie sich einem klar strukturierten Tagesablauf anpassen, beginnen eine Lehre oder gehen zur Schule.
Auch er sei nicht wirklich gerne ins Jugenddorf gekommen, sagt Levin, der seit etwas mehr als einem Jahr in Knutwil lebt. «Ich hatte den Anschiss, weil ich nicht wusste, was mich erwartet», so der 17-Jährige. Und trotzdem sei da ein «Hoffnungsschimmer» gewesen, durch den Aufenthalt zurück ins Leben zu finden.
«Unser Ziel ist es, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren», erklärt Kathrin Burkhard. Dafür sei es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Zeit im Jugenddorf mitgestalten könnten. «Das heisst nicht, dass sie alles alleine entscheiden können. Aber sie können ihre Sicht auf die Dinge einbringen. Das war früher anders, da ging es bei der Erziehung um Unterordnung.»
«Belehre!»
Die heutige zivile Institution wurde 1926 als katholisches Erziehungsheim St. Georg gegründet. Im ersten Jahresbericht steht, dass «gefährdete» katholische Jugendliche im Heim «zu brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft» erzogen werden sollten. Aus den 1940er-Jahren sind die damaligen Grundsätze für die Erzieher der Jugendlichen im Heim überliefert: «Beuge vor!», «Lebe vor!», «Belehre!».
Die Zöglinge, wie die Jugendlichen damals genannt wurden, sollten durch «die sichtbare und unsichtbare Gegenwart des Erziehers» zum Guten angespornt werden. Dies schliesse jedoch Bewährung nicht aus. Der Zögling habe sich für sein Tun und Lassen zu verantworten.
Zudem sollten sie «die Arbeit als Wohltat kennen und schätzen lernen». Zum Erziehungsheim gehörten unter anderem ein Landwirtschaftsbetrieb und eine Schlosserei. Die Jugendlichen mussten arbeiten, zum Teil machten sie auch einen Lehrabschluss.
Mehr Freiheit, höhere Anforderungen
Nachdem das katholische Heim 1972 in eine zivile Institution übergegangen war, wurde vieles neu geregelt. Die Jugendlichen lebten nun in Wohngruppen und hatten mehr Rückzugsraum.
Seither wurden die pädagogischen Ansätze stetig weiterentwickelt. Im Zentrum steht die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Bei Seya ist das angekommen. «Mein Ziel ist ein normaler Job und eine eigene Wohnung», sagt er, der eine Lehre als Schreiner angepackt hat.
Aus dem Jugenddorf nehme er mit: «Anstand und Achtung von Grundregeln.» Dann widmet er sich wieder dem Bild, das er zum Jubiläum der Institution auf eine der Hausfassaden sprayen darf.