- Vom Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 waren in der Schweiz aufgrund von Regenfällen die Kantone Tessin, St. Gallen und Thurgau am stärksten betroffen.
- Im Tessin hat sich die Cäsiumbelastung nach 40 Jahren um mehr als die Hälfte reduziert.
Dies sei dem physikalischen Zerfall zu verdanken, erklärten die Verantwortlichen an einer Medienkonferenz in Bellinzona. Aktuell seien noch 40 Prozent der damaligen Ablagerungen vorhanden.
Am 3. Mai 1986 hatten im Tessin und in den Bündner Südtälern starke Regenfälle eingesetzt, welche die Ablagerung radioaktiver Substanzen ermöglichten, wie Cristina Poretti, Verantwortliche der nationalen Organisation für Probenahmen und Messungen für die Nationale Alarmzentrale des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, erklärte. Erste Hinweise auf mögliche Ablagerungen seien von schwedischen Spezialisten gekommen.
Das Material stammte aus einer radioaktiven Wolke, die sich nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl über Europa verteilt hatte. Dort, wo es regnete, wurden die Partikel aus der Luft gewaschen und auf den Boden gebracht. Im Tessin wurden in der Folge in über 5000 Proben von Milch, Fleisch, Früchten und Fisch Ablagerungen von Cäsium-137 nachgewiesen, wie Poretti erlärte. Speziell betroffen war gemäss dem Tessiner Kantonschemiker Nicola Forrer die Region Lugano.
Wildpilze als Umweltindikatoren
Das Tessiner Kantonslabor wurde offiziell als eines der sieben nationalen Kompetenzzentren für die Messung der Radioaktivität in Lebensmitteln anerkannt, wie es in den Medienunterlagen heisst. Seit 1986 wurden über 100 Entnahmen mit 59 verschiedenen Probenarten durchgeführt.
Ein besonderer Fokus liege auf essbaren Wildpilzen, welche als hervorragende Umweltindikatoren fungierten. Die Analyse von 791 Proben aus allen Bezirken des Kantons habe eine deutliche Abnahme des Cäsium-137-Gehalts in den letzten 40 Jahren bestätigt, erklärte Forrer.
Heute lägen die Konzentrationen bei praktisch allen essbaren Pilzen fast immer unter den in der Tschernobyl-Verordnung festgelegten Grenzwerten. Auch Messungen an Gras, Boden und Milch zeigten, dass der Übergang von Radioaktivität in die Nahrungskette inzwischen als vernachlässigbar gelte.
Seit 1986 habe die Organisation der Messungen in der Schweiz enorme Fortschritte gemacht, sagte Cristina Poretti. Es wurde ein präzises, flächendeckendes und automatisiertes Mess- und Alarmsystem aufgebaut.
Rascher Datenaustausch gewährleistet
Die gesetzlichen Grundlagen seien verbessert worden und die Koordination zwischen Bund und Kantonen sei heute deutlich effizienter, hiess es weiter. Im Tessin ist eine spezialisierte Arbeitsgruppe tätig, die sich mit der Umsetzung spezifischer Massnahmen im Falle zukünftiger Ereignisse befasse, wie die Verantwortlichen erklärten.
«Die Schwere von Tschernobyl hat es uns ermöglicht, ein modernes Schutz- und Kontrollsystem aufzubauen», resümierte der Vorsteher des Tessiner Departementes für Gesundheit und Soziales, Raffaele De Rosa. «Heute können wir der Bevölkerung eine frühzeitige Erkennung und den Konsum absolut sicherer Lebensmittel garantieren.» Die rasche Einsatzbereitschaft bleibe eine Priorität, sagte De Rosa abschliessend. Die Ereignisse lägen lange zurück. «Dennoch begleiten sie uns bis heute.»