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80 Jahre alt «Es schysst mi a» – wie Tinu Heiniger das TV fluchen lehrte

Er ist angeeckt mit Songs, in denen er geflucht hat. Der Berner Mundartsänger und Liedermacher Tinu Heiniger wird 80 Jahre alt. Musik macht er schon lange, ist in der Branche aber ein Spätzünder. Wieso ihn ausgerechnet der jüngere Büne Huber, Sänger von Patent Ochsner, ins Musikbusiness bugsierte, erzählt Tinu Heiniger im Geburtstagsinterview.

Tinu Heiniger

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Tinu Heiniger ist ein Schweizer Liedermacher, Mundartsänger und Poet. Er kommt aus Langnau im Emmental BE. 2004 erhielt er den Musikpreis des Kantons Bern. 2011 veröffentlichte er «Mueterland – Heimat und Geschichten» als Buch und Hörbuch.

SRF News: Tinu Heiniger, alles Gute zum Geburtstag. Was beschäftigt einen Menschen, der 80 wird?

Tinu Heiniger: Das fährt mir schon etwas ein, muss ich sagen. Ich weiss noch, wie mein Grossvater 80 wurde und bei seiner Ansprache sagte, er lebe jetzt nicht mehr so lange. Dann wurde er 99 Jahre alt, lebte also noch 19 Jahre.

Vor 50 Jahren wurden Sie schweizweit bekannt mit einem aufmüpfigen Song. Der hiess: «Es schysst mi a!» Es geht um einen jungen Mann, der am Morgen in die Stifti muss. Das war ein Skandal.

Ja, weil er im Fernsehen lief. Sie haben darauf hunderte böse Briefe erhalten, vor allem wegen der Sprache.

Die war etwas deftig?

Das war in den Sechzigerjahren, als es hiess, die Jungen sollen froh sein, können sie eine Lehre machen. Und ich «musste» Schreiner lernen. Jeden Morgen um 5:20 Uhr aus dem Bett. Das hat mich angeschissen. Den Beruf habe ich später aufgegeben.

Musikalisch waren Sie ein Spätzünder. Mit 30 Jahren veröffentlichten Sie die erste Platte, und mit Mitte 40 setzten Sie dann ganz auf die Musik. Wie kam das?

Das ist eine schöne Geschichte. Ich habe damals den jungen Büne Huber kennengelernt, als der aufgehört hat, im Kinderheim Maiezyt zu arbeiten. Er hat erzählt, er mache jetzt nur noch Musik. Und ich dachte: Was, dieser junge «Schnuufer»? Patent Ochsner hatte die erste Platte noch nicht draussen, die wurde später zu einem riesigen Erfolg. Und ich wusste: Wenn ich es jetzt nicht wage, dann nie mehr. Ich hätte ja immer wieder zurück zum Musikunterricht gehen können. Aber es hat geklappt und ich musste nie mehr in ein Schulzimmer.

Was haben Sie in Ihrem Leben nie gemacht, das Sie nun mit 80 bedauern?

Mein Grossvater war ein grosser Bergfreund und auf vielen Gipfeln. Das ist etwas, das ich in meinem Leben zu wenig gemacht habe. Das würde mich reizen, auf die Viertausender zu steigen. Ein Bergführer aus Grindelwald hat zu mir gesagt, er würde mich auch in meinem Alter noch auf den Mönch bringen. Aber das habe ich nie gemacht. Der Wildstrubel war der höchste Berg, den ich gemacht habe. In einem anderen Leben würde ich das aber schon gerne.

Und jetzt in diesem Leben: Was macht das Alter mit Ihnen? Sind Sie milder geworden, entspannter oder resigniert?

Sicher versöhnlicher. Im nächsten Buch schreibe ich von all meinen Irrtümern. Die Zeit bei den Linken, als ich gegen AKW gesungen habe …

War das ein Irrtum?

Nein, kein Irrtum. Aber es war eine bestimmte Sturheit und hatte viel mit Ideologie zu tun. Ich würde sagen: Das waren für mich Krücken im Leben, und die will ich nicht mehr.

Bald erscheint ein Buch von Ihnen, und es gibt zum Geburtstag ein Konzert mit befreundeten Musikerinnen und Musikern. Wieso zieht es Sie immer noch auf die Bühne?

Ich habe mich etwas überreden lassen. Das wird eine grosse Kiste, das macht mir schon etwas Angst. Aber es ist spannend. Stefan Eicher ist dabei, Pedro Lenz, Sina, Gerhard Tschan – all die Menschen, mit denen ich zusammen Musik gemacht habe. Das ist unglaublich spannend.

Das Gespräch führte Samuel Burri.

SRF1, 4.2.2026, 6:40 Uhr ; 

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