In der Praxis von Hausarzt Sven Streit stapeln sich die Formulare. «Das ist noch vom Strassenverkehrsamt», sagt seine Mitarbeiterin. Ein weiteres Schreiben, für das er eine ärztliche Bestätigung liefern soll.
Solche Anfragen? «Explodieren», sagt er. Arbeitsunfähigkeitszeugnisse? «Dreimal mehr als noch vor fünf Jahren.» Und oft ginge es um Kleinigkeiten, die ihn nur den Kopf schütteln lassen.
«Eine Alltagskultur des Misstrauens»
Streit erzählt von Arbeitgebern, die ab dem ersten Krankheitstag ein Zeugnis verlangen – selbst wenn jemand mit Magen-Darm-Beschwerden quer durchs Land reisen müsste, damit er ihn begutachten könne.
Oder von einem Telekomanbieter, der eine ärztliche Unterschrift verlangt, um einen Todesfall zu bestätigen. Obwohl ein amtlicher Totenschein längst vorliegt.
«Es ist ein Wechsel zwischen grotesken Situationen und einer Alltagskultur des Misstrauens», sagt er. «Überall braucht es einen Arztstempel drauf.»
Abende mit Formularen statt Freizeit
Manchmal sitze er bis in die Nacht am Schreibtisch und arbeite Pendenzen ab. Für viele Hausärzte sei das leider Alltag geworden. Deshalb hat die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) jetzt eine Kampagne lanciert.
Formulare, welche die Ärztinnen und Ärzte als unnötig empfinden, markieren sie ab sofort mit einem Aufkleber eines Tigers, einem Papiertiger.
Beispiele für den «Bürokratie-Irrsinn» gebe es genug, sagt Streit. Etwa wenn Pflegeheime Einlagen für inkontinente Bewohnerinnen bestellen – und er schriftlich bezeugen müsse, dass diese tatsächlich gebraucht werden. «Als ob jemand die freiwillig tragen oder horten würde.»
Krankenkassen: «Digitale Schnittstellen fehlen»
Für die Kampagne wurden 1800 Gesundheitsfachpersonen befragt. Ganz oben auf der Frustliste: Wiederkehrende Rückfragen der Krankenkassen. Etwa zu Hilfsmitteln – selbst bei Patientinnen, deren Zustand sich definitiv nicht mehr ändern wird, zum Beispiel nach einer Beinamputation.
Bei Prio Swiss, dem Verband der Krankenversicherer, kennt Direktorin Saskia Schenker solche Beispiele. «Es gibt sicher Fälle, die sich nicht nach gesundem Menschenverstand anhören», sagt sie.
Gleichzeitig verweist sie auf die Schwierigkeit, aus Datenschutzgründen ein vollständiges Bild der Behandlung zu erhalten. Und auf fehlende digitale Lösungen – etwa ein funktionierendes elektronisches Gesundheitsdossier –, das den Informationsfluss erleichtern würde. Auch in gewissen Arztpraxen gebe es Aufholbedarf bezüglich Digitalisierung, sagt Saskia Schenker.
Prio Swiss begrüsse und unterstütze deshalb die Kampagne «Papiertiger», sagt sie. Demonstrativ trägt sie ein T-Shirt mit einer Raubkatze.
Warum Rückfragen dennoch bleiben sollen
Trotzdem wollen die Krankenversicherer nicht weniger prüfen. «Rund vier Milliarden Franken pro Jahr holen die Versicherungen an ungerechtfertigten Leistungen aus dem System», sagt Schenker. «Das entlastet die Prämienzahler.»
Der Hausarzt Sven Streit versteht den Grundgedanken – aber nicht den Effekt. «Wir leisten uns ein teures System, weil Rückfragen Zeit kosten.» Und diese Zeit fehle dort, wo sie dringend gebraucht werde: bei den Patientinnen und Patienten.