Worum geht es? Im Bett statt am Arbeitsplatz: Zurzeit sind wegen der Grippewelle besonders viele Leute krank. Doch auch generell steigt die Zahl der Krankheitstage. Im vorletzten Jahr blieben Mitarbeitende im Schnitt an 8.6 Tagen krank oder nach einem Unfall daheim. Das ist rund ein Drittel mehr als vor 15 Jahren. Die Zunahme ist auf Krankheitsfälle zurückzuführen. Unfälle sind deutlich zurückgegangen. Gerade für kleinere Firmen werden die zunehmenden Abwesenheiten zum Problem: Sie haben Mühe, zahlbare Krankentaggeldversicherungen abzuschliessen.
Warum sind wir häufiger krank? Eine Studie des Zürcher Amts für Wirtschaft nennt drei Hauptgründe für die steigenden Krankheitstage:
- Mehr psychische Krankheiten: Zahlen von zwei grossen Krankentaggeldversicherern zeigen, dass Fälle mit psychischen Krankheiten innert zehn Jahren um rund 60 Prozent zugenommen haben. Als Grund kommt Druck am Arbeitsplatz in Frage – und die Tatsache, dass psychische Krankheiten heute weniger zum Tabu erklärt werden.
- Corona hat Verhalten geändert: Kranke scheinen heute vermehrt zu Hause zu bleiben, um Ansteckungen zu vermeiden.
- Angestellte werden älter: Das Durchschnittalter in der Arbeitswelt steigt. Damit steigt auch der Anteil von Angestellten mit chronischen Erkrankungen. Ältere sind deutlich seltener krank als Jüngere – dafür aber häufig länger.
Wer bezahlt für die Krankheitstage? Die Unternehmen müssen kranken Mitarbeitenden den Lohn weiterzahlen – je nach Dienstjahr bis zu 17 Wochen lang. Die Firmen können sich Krankentaggeldversicherungen absichern. Allerdings wird dies für Firmen mit älteren Mitarbeitern und in Branchen mit höheren Gesundheitsrisiken wie Bau oder Reinigung immer schwieriger und teurer. Kleinere Firmen mit vielen Krankheitsfällen müssten deutlich höhere Prämien bezahlen, sagt Beatrix Bock, Direktionsmitglied bei der Firma Kessler und Co. Diese ist unter anderem als Versicherungsbrokerin tätig. Höhere Prämien belasten auch die Angestellten: Meist zahlen diese die Hälfte der Prämien.
Warum wird es schwieriger, Krankentaggeldversicherungen abzuschliessen? «Die Versicherer haben in der Vergangenheit zum Teil Millionenverluste gemacht. Dazu sind sie heute nicht mehr bereit», sagt Bock. Dieselbe Beobachtung macht Urs Gysling, Geschäftsführer der Firma Gryps, die unter anderem Versicherungen an Unternehmen vermittelt: «Die Versicherungen sind heute nicht mehr besonders erpicht darauf, Krankentaggeldversicherungen abzuschliessen. Sie sind in diesem Bereich sehr risikoavers.» Für Kleinfirmen mit Angestellten über 55 Jahren sei es schwierig geworden, eine Versicherung zu finden. Um die Versicherungskosten zu senken, schliessen Unternehmen zunehmend Versicherungen mit längeren Wartefristen ab – sie zahlen die Löhne also länger aus der eigenen Kasse.
Soll die Versicherung obligatorisch werden? Vor drei Jahren hat der Nationalrat im Grundsatz knapp ein Obligatorium befürwortet – mit einer Mitte-Links-Mehrheit. Der Entscheid im Ständerat steht noch aus. Es hat sich Widerstand formiert: Der Gewerbeverband will kein Obligatorium. Er sieht die Vertragsfreiheit der Firmen bedroht und will zusätzliche Kosten verhindern. Auch der Arbeitgeberverband sagt Nein. Er befürchtet unter anderem, dass Unternehmen bei einem Obligatorium weniger für den Gesundheitsschutz ihrer Mitarbeitenden tun würden.