Im Ostschweizer Zoo drücken Kinder ihre Nase an die Glasscheibe im Affenhaus. Ihre Hoffnung: einen kurzen Blick auf das Schimpansenbaby zu erhaschen. Vor einem Monat kam es in Gossau SG zur Welt. Für den Zoo eine gute Nachricht: Es ist das erste Schimpansenjunge seit acht Jahren.
Allerdings: Die grosse internationale Tierschutzorganisation Peta kritisierte den Zoo umgehend scharf und verlangte, das Zuchtprogramm von Menschenaffen sofort zu stoppen. Die Haltung der Schimpansen sei nicht artgerecht und für die Tiere wie ein Gefängnis.
Für den Zoo kam die Geburt ebenso überraschend wie die Mitteilung der Peta. Elia Heule, Leiter Zoologie und Artenschutz beim Walter Zoo, sagt: «Es hat uns überrascht, dass sich jemand von der Peta aus Deutschland mit unserem Zoo beschäftigt. Jemand, der noch nie hier war und unsere Haltung nicht kennt.»
Gehege deutlich kleiner als natürliche Reviere
Warum der Peta die Meldung des neugeborenen Schimpansen in der Ostschweiz ein Dorn im Auge ist, erklärt Biologin Yvonne Würz von Peta Deutschland: «Selbst in vermeintlich grossen Gehegen können Menschenaffen kein tiergerechtes Leben führen. Sie leiden sehr stark unter den Bedingungen in Gefangenschaft.»
Natürlich ist der Raum begrenzt, aber ...
In der Natur haben Schimpansen Reviere von mehreren Quadratkilometern. «Statt abwechslungsreiche Waldgebiete zu durchstreifen, müssen sie häufig in kargen Gittern und Betonbunkern vor sich hin vegetieren. Für die intelligenten Tiere sind diese Bedingungen wie ein Gefängnis», so Würz.
Eine pauschale Behauptung, kontert Zoologe Elia Heule. Natürlich sei der Raum begrenzt, aber: «Artgerechte Schimpansenhaltung dreht sich nicht um Platz, sondern um Beschäftigung. Dass ein Schimpanse sein natürliches Verhalten ausleben kann – in einer sozialen Gruppe, wie in der Natur, zum Beispiel beim Futtersammeln.»
Westafrikanische Schimpansen sind akut vom Aussterben bedroht. In der freien Natur leben geschätzt zwischen 18’000 und 65’000 Tiere. Die Geburt des Affenbabys in Gossau zeige, wie wichtig Zoos für den Erhalt bedrohter Arten seien, sagt Heule.
Die Affen können wichtige Verhaltensweisen für das Überleben in der Natur gar nicht erlernen.
Davon will Tierschützerin Yvonne Würz nichts wissen, die Nachzucht in Zoos habe nichts mit Artenschutz zu tun: «Affen auszuwildern, die in Gefangenschaft geboren werden, ist praktisch unmöglich. Die Tiere können wichtige Verhaltensweisen für das Überleben in der Natur gar nicht erlernen. Zuchtprogramme dienen dazu, die Zoopopulation zu erhalten.»
Elia Heule, Leiter Artenschutz im Walter Zoo, sagt: «Wir wissen, dass wir ein wissenschaftlich geführter Betrieb sind, dass unsere Schimpansenhaltung sehr gut ist. In solchen Mitteilungen werden Zoos pauschalisiert. Von ein paar eingezäunten Ziegen bis zum grössten Zoo der Welt. Wir sind uns sicher, dass wir das Richtige tun. Ein genereller Zuchtstopp wäre zu kurz gedacht.»
Europäisches Programm entscheidet
Das Schimpansenbaby werde auch nicht als herziger Publikumsmagnet missbraucht, so Heule. Ein europäisches Programm entscheidet, in welchem Zoo es Jungtiere gibt. «Das sind Expertinnen und Experten aus Tschechien, Frankreich und den Niederlanden.» Auch ein «Präsentieren» finde nicht statt. Das Muttertier entscheide, ob man das Baby sieht oder nicht. «Wie es ihr wohl ist. Wir forcieren nichts.»
So wird es auch trotz Kritik bleiben. In Gossau wird es noch so manche flachgedrückte Kindernase an der Glasscheibe des Affenhauses geben. Wegen des ersten Schimpansenbabys seit acht Jahren.