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Aggression und Gewalt Angriffe in Zürich und Tessin: zwei Symptome der Bedrohungslage

In Bellinzona eine mit dem Messer drohende Frau, die Allahu Akbar schreit, in Zürich ein Kosovare, der einen orthodoxen Juden mit Faustschlägen angreift: Auch wenn die beiden Meldungen keinen direkten Zusammenhang haben, so gibt es auffällige Gemeinsamkeiten.

In beiden Fällen, auch beim Angriff in Zürich, gibt es Hinweise auf psychische Probleme der Tatverdächtigen. Das ist typisch für die aktuelle Bedrohungslage. Fachleute und Behörden weisen schon länger darauf hin, dass Menschen mit psychischen Auffälligkeiten – von verschiedenen Ausprägungen und Schweregraden – besonders empfänglich seien für Gewaltpropaganda, beispielsweise von Islamisten. Hassprediger oder Propaganda-Influencer wissen das längst und bieten ihre Rechtfertigungen für Gewalt pausenlos an.

Das macht die Täter nicht zu Opfern. Denn ob sie mehr oder weniger psychisch erkrankt sind: Aggressionen wie in Bellinzona und ein tätlicher Angriff wie in Zürich können für die Opfer und auch Zeugen so oder so traumatische Folgen haben.

Von «nur psychisch Kranken» zu sprechen, würde daher zu kurz greifen. Gerade für Sicherheitsbehörden macht es dieser verbreitete Mix aus Teilen von psychischen Auffälligkeiten, einem oft bereits vorhandenen Gewaltpotenzial sowie mehr oder weniger fortgeschrittener Radikalisierung umso schwieriger, ein klares Risikoprofil zu erstellen.

Angriff gegen Zürcher Juden schockiert – überrascht viele aber nicht mehr

Beim Angriff gegen den jüdischen Zürcher kommt hinzu: Seit über zwei Jahren werden auch in der Schweiz massiv erhöhte Zahlen von Beleidigungen, Drohungen und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden verzeichnet. Viele fühlen sich im Alltag nicht mehr sicher, ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück, denken gar ans Auswandern. Dass es so weit kommen konnte, und Angriffe wie jener am Montagabend zwar schockieren, aber viele in jüdischen Gemeinden nicht mehr wirklich überraschen, dürfte auch damit zu tun haben, dass Juden in vielen westlichen Ländern zum Teil allgemein dafür verantwortlich gemacht werden, was die israelische Regierung tut.

Das ist ein Kurzschluss, der brandgefährlich ist.

Und in beiden Fällen stellen sich drängende Fragen: Inwieweit war die Frau in Bellinzona möglicherweise als Extremistin bekannt? Wie wurde ihre psychische Erkrankung behandelt? In Zürich fragt sich beim Festgenommenen, was gemeint ist, wenn die Stadtpolizei schreibt, er verfüge über «keinen festen Wohnsitz». War er illegal in der Schweiz? Und woher kommt sein offensichtlicher Judenhass?

Was zurückbleibt: In Bellinzona Angestellte eines Mobilfunk-Shops mit mindestens einem wohl tief sitzenden Schrecken sowie Polizisten, die eine gefährliche Situation mit einem Messer entschärfen mussten. In Zürich ein junger Mann, der sich von Faustschlägen erholen muss, und das mit dem tragischerweise wohl nicht neuen Gefühl, als sichtbar jüdischer Mensch auf Schweizer Strassen offensichtlich nicht sicher zu sein. Möglicherweise ein Trost: Dass Passanten Zivilcourage bewiesen, dazwischen gingen und den Angreifer festhielten, bis er festgenommen werden konnte.

Daniel Glaus

Fachredaktor Extremismus

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Daniel Glaus ist seit 2015 Inlandredaktor beim Schweizer Fernsehen, zu seinen Dossiers zählen Extremismus und Terrorismus. Zuvor arbeitete der Investigativjournalist beim Recherchedesk von «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche».

Schweiz Aktuell, 03.02.2026, 19:00 Uhr

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