Er nannte sich «der Schlächter»: Am 1. Juli startet vor dem Jugendgericht am Bezirksgericht Dielsdorf der Prozess gegen den heute 17-Jährigen.
Was ist damals passiert?
Am Abend des 2. März 2024 begab sich der Angeklagte zu einer Synagoge im Zentrum von Zürich. Bewaffnet mit einem Steakmesser hatte er vor, möglichst viele Jüdinnen und Juden zu töten. Da die Tür verschlossen war, zog er weiter und folgte dem nächsten Mann, den er äusserlich als orthodoxen Juden erkannte. Er stach 17 Mal auf ihn ein, zielte dabei auf Hals und Kopf. Der damals 50-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt.
Der Angreifer wurde von Passanten überwältig und festgenommen.
Was ist über den Angeklagten bekannt?
Er wurde als Kind einer tunesischen Familie eingebürgert und verbrachte zwischenzeitlich einige Zeit in Tunesien. Ab Sommer 2023 – rund sieben Monate vor der Tat – begann er sich im Internet intensiv für Gewalt an Menschen zu interessieren. Später kam Propaganda der Terrorgruppe «Islamischer Staat» (IS) dazu. Täglich schaute er mehrere Stunden Videos, darunter Gräueltaten. So sei er zur Überzeugung gelangt, Juden seien Feinde, die vernichtet werden müssten, heisst es in der Anklageschrift. Gemäss Recherchen von SRF diagnostizierte ein Gutachten nach der Festnahme eine Depression mit suizidalen Gedanken und Autismus-Spektrum-Störung.
Wie geht es dem Opfer heute?
Der Mann musste notoperiert werden und war mehrere Monate in Behandlung und Rehabilitation. Er habe eine «massive, bleibende Schädigung des Körpers und seiner Psyche erfahren», steht in der Anklageschrift. Bis heute leide er unter den seelischen, aber auch physischen Folgen der Tat, die auch seine Familie für das ganze Leben schwer gezeichnet habe.
Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), sagt: «Er versucht wieder Tritt zu fassen im Alltag. Aber man ist noch immer der Meinung, dass die psychischen und körperlichen Verletzungen noch länger anhalten werden.»
Weshalb wird von Terrorismus gesprochen?
Er habe den Entschluss gefasst, «sich an den Juden für deren angebliche Gräueltaten an Muslimen auf der ganzen Welt zu rächen», heisst es in der Anklageschrift. Mit einem «unbekannten Gleichgesinnten» stand er in direktem, intensiven Austausch. Dieser Unbekannte wollte ihn offenbar zum Bau einer Bombe anstiften – das schien dem Jugendlichen aber zu kompliziert, so entschied er sich für ein «Messer zum Schlachten».
Vorab nahm er ein Selfievideo auf, in dem er sich als «Soldat des Kalifats» bezeichnete, dem IS die Treue schwor und andere aufrief, ebenfalls «Juden und Kreuzfahrer» anzugreifen. Kurz vor dem Versuch, die Synagoge zu betreten, startete er auf mehreren Konten Livevideos, um die Tat möglichst weit zu verbreiten. Unterstützer des IS lobten die Tat auf mehreren Propagandakanälen – und sie wurde in einem offiziellen Magazin des IS erwähnt.
Was hat der Fall in der Schweiz ausgelöst?
«Der Hass hat damit ein völlig neues Niveau erreicht», das sagte SIG-Generalsekretär Kreutner damals. Viele Jüdinnen und Juden hat der Angriff zusätzlich verängstigt. Der SIG berichtet von Vermeidungsverhalten, sprich: Manche verzichteten – teils bis heute – darauf, öffentlich eine Kippa oder eine Kette mit dem Davidstern zu tragen.
Unmittelbar nach dem Angriff wurde der Schutz von Synagogen und jüdischen Schulen weiter verstärkt. Derart schwere Angriffe sind seither zwar ausgeblieben, das Niveau an antisemitischen Beleidigungen, Drohungen und tätlichen Angriffen ist aber weiterhin hoch.