Passantinnen und Passanten berichten von Sturzflügen auf Kopfhöhe, von Kratzern und kleinen Schnittwunden – Szenen, die unweigerlich an Hitchcocks «Die Vögel» erinnern.
Bei der Gemeinde Allschwil gingen letzte Woche mehrere Meldungen ein. «Gemeldet wurden uns Kratz- und kleine Schnittwunden am Kopf», sagt Andreas Dill, Umweltbeauftragter von Allschwil gegenüber der Zeitung «bz Basel». Solche Vorfälle kämen zwar immer wieder vor, in dieser Intensität sei es aber das erste Mal.
Als Vorsichtsmassnahme wurde ein betroffener Wegabschnitt in der Nähe der Kantonsgrenze zu Basel-Stadt vorübergehend für zwei Tage abgesperrt.
Aus Sicht von Fachleuten steckt hinter den Angriffen ein bekanntes Verhalten. «Es kommt gelegentlich vor, dass Krähen Leute attackieren», sagt Livio Rey, Mediensprecher der Vogelwarte Sempach. Häufig beteiligt sei dabei die Rabenkrähe: «Die sind bekannt dafür, dass sie ihre Jungen sehr gut verteidigen.»
Jungtiere sind noch unbeholfen am Boden – und wenn man sich nähert, werten das die Altvögel als Gefahr.
Entscheidend sei der Zeitpunkt: Derzeit wagen viele Jungvögel ihre ersten Flugversuche. «Diese Jungtiere sind noch unbeholfen am Boden – und wenn man sich nähert, werten das die Altvögel als Gefahr», erklärt Rey. Die Folge sind gezielte Scheinangriffe. «Der Vogel hat als erstes Ziel nicht, zu verletzen, sondern zu vertreiben.»
In Allschwil geht man davon aus, dass nur wenige Tiere beteiligt sind. «Dass die Attacken nur in diesem Gebiet stattfanden, zeigt, dass wohl ein bis zwei Elterntiere dahinterstecken», so Dill. Die Gemeinde verzichtet deshalb auf weitere Massnahmen – auch weil die aggressive Phase kurz sei: «Die ersten Flugversuche dauern jeweils nur wenige Tage.»
Im schlimmsten Fall ein paar Kratzer – mehr nicht
Für Betroffene wirkt ein Angriff bedrohlich, doch ernsthafte Verletzungen seien selten. «Im schlimmsten Fall gibt es Kratzer», sagt Rey. Entscheidend sei das Verhalten: «Sobald man sich entfernt, hören die Angriffe auf.» Wer stehen bleibt oder herumfuchtelt, macht die Situation eher schlimmer.
Trotz ihrer weiten Verbreitung – rund 100’000 Brutpaare der Rabenkrähe leben in der Schweiz – bleiben solche Zwischenfälle selten. Und auch in Allschwil deutet vieles darauf hin, dass sich die Lage rasch beruhigt. Bis dahin gilt: Abstand halten, Wegsperren respektieren – und den Blick nach oben nicht vergessen.