- Ein 17-Jähriger steht in Zürich wegen eines antisemitisch motivierten Messerangriffs vor Gericht.
- Er soll im März 2024 einen orthodoxen Juden mit einem Messer lebensgefährlich verletzt haben.
- Die Jugendanwaltschaft Unterland fordert ein Jahr Freiheitsentzug wegen mehrfachen Mordversuchs.
- Heute verweigerte er die Aussage vor Gericht.
Der Richter ging heute Morgen im Gericht bei der Befragung des Beschuldigten Schritt für Schritt durch: Wie es dazu kam, dass sich der Jugendliche als Kämpfer für den sogenannten Islamischen Staat verstand. Wie er sich auf die Tat vorbereitet hatte, und was er heute empfindet, wenn er an das Opfer denkt. Auf alle Fragen antwortete der heute 17-Jährige mit: «Keine Aussage».
Aber der Richter zitierte mehrfach Aussagen des Täters aus den Akten, die sich auf frühere Befragungen beziehen. So habe der Jugendliche etwa geplant, dass er nach der Tat von der Polizei getötet werde. Er habe als Attentäter sterben wollen, um ins Paradies zu gelangen.
Handy zeichnete Angriff auf
Zudem verlas der Richter Auszüge aus einer Audioaufnahme der Tat: Das Handy des Jugendlichen lief während des Angriffs permanent in seiner Jackentasche mit. Dadurch ist dokumentiert, dass er selbst nach seiner Festnahme durch die Polizei Angehörige des Opfers bedrohte und IS-Parolen rief.
Gemäss Anklageschrift habe sich der Jugendliche im Internet radikalisiert. Er habe mit der Absicht gehandelt, «sich an den Juden für ihre angeblichen Gräueltaten gegen Muslime auf der ganzen Welt zu rächen» und Menschen jüdischen Glaubens eigenhändig zu töten.
Der Jugendliche wurde im Jahr 2011 eingebürgert. Der Anschlag löste in der Politik bestürzte Reaktionen aus. Jüdische Organisationen warnten vor einer «beängstigenden neuen Eskalationsstufe», und islamische Organisationen in der Schweiz verurteilten den Angriff scharf.
Ein ausgearbeiteter Plan
Nach Angaben der Jugendanwaltschaft hatte der Jugendliche die Tat mehrere Wochen lang vorbereitet. In der Nacht vor der Tat kündigte er seinen Plan in einem sozialen Netzwerk an. Vor der Tat veröffentlichte er ein vierminütiges Video, in dem er sich als «Soldat des Kalifats» vorstellte und zu Gewalt gegen Juden und Christen aufrief.
Am Abend der Tat, gegen 21 Uhr, begab sich der Angeklagte in die Nähe einer Synagoge in Zürich. Dort startete er einen Livestream im Internet, «damit die Welt die Ereignisse online verfolgen kann», heisst es in der Anklageschrift.
Zunächst versuchte er, in die Gebetsstätte einzudringen, doch die Tür war verschlossen. Der Angeklagte beschloss daraufhin, «irgendjemanden zu finden». Er soll sein Opfer, einen als orthodoxen Juden erkennbaren Mann, ausgemacht und ihn von hinten angegriffen haben. Passanten gelang es, ihn bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten.
Freiheitsstrafe von einem Jahr gefordert
Die Jugendanwaltschaft wirft dem Jugendlichen mehrfachen Mordversuch, Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, Diskriminierung und Aufstachelung zum Hass sowie den Besitz und die Verbreitung von Gewaltdarstellungen vor.
Sie hat eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und die Anordnung mehrerer Schutzmassnahmen, darunter individuelle Betreuung, eine ambulante Behandlung und eine Unterbringung in einer Einrichtung, beantragt.