Diese Woche bewegten News aus der KI-Industrie die Börse: Firmen, die Software für Juristen produzieren, verloren Milliarden Dollar an Wert. Grund war ein Update für Claude, die künstliche Intelligenz des Unternehmens Anthropic.
Künftig lassen sich damit rechtliche Routine-Aufgaben automatisieren. Wie viel Roboter-Denken steckt also heute schon in einer Rechtsberatung? Und was bedeutet das für Juristinnen und Juristen?
Künstliche Intelligenz beschäftigt die angehenden Juristinnen und Juristen, wenn es um ihre Zukunft geht. «Wir sind sehr viele, die das Studium beginnen – und es braucht entsprechend viele Jobs», sagt Nele Röder, Jus-Studentin im ersten Semester an der Universität Zürich. Sie befürchtet, dass KI schon bald viele juristische Arbeiten übernehmen wird und die ausgebildeten Juristen kaum mehr Jobs finden könnten.
Auch die 5.-Semester-Studentin Luna Brouwer macht sich Sorgen, dass durch KI Stellen verloren gehen werden. «Ich hoffe aber nicht, dass das passieren wird.»
KI ersetzt nicht alles.
Künstliche Intelligenz ist in Kanzleien bereits heute Realität. Es brauche aber ganz sicher noch junge Juristinnen und Juristen im Alltag als wichtigen Bestandteil der Rechtsdienstleistung, sagt Karin Graf, Anwältin und Präsidentin des Zürcher Anwaltsverbands. «KI ersetzt nicht alles.»
Jeder Jurist, jede Anwältin müsse einen Vertrag oder eine Rechtsschrift im Prinzip auf einem weissen Blatt Papier schreiben können. Das sei in der Vergangenheit so gewesen und werde auch in der Zukunft so sein, so Graf. «Die Gedankenarbeit, die hinter dem steckt, muss weiterhin der Mensch selbst erledigen.»
Künstliche Intelligenz hilft bei der Effizienz
KI müsse immer kritisch hinterfragt werden – aber sie mache auch unglaublich effizient, betont Graf. KI helfe ihr, ihre Rechtsschriften zu hinterfragen. «Sie deckt mir Widersprüche auf. Sie verbessert mir Formulierungen, hebt Inkonsistenzen hervor. Sie macht mir aber auch konkrete Vorschläge, wenn ich etwas klarer strukturieren kann.» KI unterstütze sie in sehr vielen Dingen.
Ob eine KI Urteile fällt, ist eine gesellschaftliche Frage.
Ebensolche «Dinge» programmiert Informatiker Philipp Stutz. Er hat 2020 die Plattform justement.ch für Recherchen von Urteilen und Gesetzestexten entwickelt. Rund fünftausend Nutzer zählt die Plattform, Tendenz steigend.
KI beschleunige nochmal alles, sagt Stutz. «Ob eine KI Urteile fällt, ist aber eine gesellschaftliche Frage.» Wir würden ja selbst beschliessen, wer das Recht interpretieren darf. Er glaubt, dass das Fällen von Urteilen noch lange in menschlichen Händen verbleiben und nicht der KI übergeben werde: «Weil wir das nicht wünschen als Gesellschaft.»
Eine andere Frage sei aber, bis zu welchem Grad eine KI schneller, besser und billiger wäre, um gewisse Sachen zu interpretieren und so auszulegen, dass viele Leute es okay fänden, so Stutz. Er hält es für möglich, dass der Zeitpunkt in näherer Zukunft kommt. «Aber im Endeffekt ist das eine gesellschaftliche Frage. Keine KI-Frage.»