Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Asylprognose 2026 25'000 Asylgesuche: Wie kommt die Prognose des Bundes zustande?

Der Bund rechnet 2026 mit 25'000 Asylgesuchen. Wie sagt er diese Zahl voraus? Ein Werkstattbericht.

Das Fenster im kleinen Büro von Christoph Curchod im ersten Stock des Staatssekretariats für Migration (SEM) geht nach Südosten. Man könnte auch sagen: Dorthin, von wo die meisten Asylbewerber herkommen. Aber Curchods Blick geht auf eine grosse Weltkarte, hinter seinem Sitzplatz an der Bürowand.

Auf der Karte befestigt sind Tabellen mit aktuellen Gesuchszahlen: Die wichtigsten Herkunftsländer, die wichtigsten Transitrouten, die wichtigsten Zielländer in Europa. «Gerade haben wir sehr viel Rot», sagt Curchod, «auch wenn wir die Schweiz anschauen.»

Rückläufige Gesuchszahlen in Europa

Rot, das heisst rückläufig, weniger Gesuche als im Vorjahr. Und diese Zahlen sind eine wichtige Grundlage für den Ausblick, den Curchod anstellen will. Auf 10 Prozent genau will er die Zahl der Asylgesuche 2026 voraussagen.

Wir haben das Pech, dass wir genau auf der einzigen Achse liegen, auf der die Migration nach Europa zugenommen hat.
Autor: Christoph Curchod Leiter Migrationsanalysen SEM

In der Schweiz allerdings gehen die Gesuche weniger stark zurück als in anderen europäischen Ländern. «Wir haben das Pech, dass wir genau auf der einzigen Achse liegen, auf der die Migration nach Europa zugenommen hat», sagt Curchod.

Bürgerkriegsfronten im Sudan nicht mehr im Weg

Vor seiner Weltkarte macht Curchod jetzt einen grossen Schritt zur Seite, nach Osten. Dann zeichnet er mit der Hand eine lange Diagonale auf die Karte. Es ist jene Migrationsbewegung, die am schwierigsten einzuschätzen sei: vom Horn von Afrika nach Grossbritannien. Durch die Schweiz.

Asylprognose als wichtige Grundlage für die Behörden

Box aufklappen Box zuklappen

Auf die Asylprognose des Bundes, die jeweils Anfang Jahr veröffentlicht wird, stützen sich nicht nur die Bundesbehörden. Auch Kantone und Gemeinden, welche die Geflüchteten nach der ersten Phase des Asylverfahrens unterbringen müssen, planen auf ihrer Grundlage. Migration ist allerdings ein hoch volatiles Phänomen. Wie also lässt sich die Entwicklung des laufenden Jahres prognostizieren?

«Der Sudan ist im Moment noch schwierig», so Curchod. «Eine Kraft im Bürgerkrieg kontrolliert den ganzen Nord- und Ostsudan.» Dort würden die Migrationsrouten verlaufen. Die andere Fraktion kontrolliere den Südwesten des Landes, wo es auch zu Massakern an der Zivilbevölkerung kam. «Aber die Migrationsrouten werden nicht mehr behindert.»

«Riesiges Migrationspotenzial»

Sudan ist laut UNO-Flüchtlingshilfswerk zwar der Konflikt mit den meisten Vertriebenen weltweit. In Europa aber steigen die Gesuchszahlen nur langsam, in der Schweiz noch kaum. Curchod erklärt es so: «Das ist ein riesiges Migrationspotenzial, aber diese Menschen haben kein Geld.» Die Schlepper hätten deshalb kaum Interesse an ihnen.

«Man muss die Einzelschicksale ein Stück weit verdrängen», sagt Migartionsanalyst Christoph Curchod.
Legende: «Man muss die Einzelschicksale ein Stück weit verdrängen», sagt Migartionsanalyst Christoph Curchod. Matthias Strasser / SRF

Allerdings: Der Krieg im Sudan beeinflusst auch die Flucht aus anderen Ländern, aus denen viele in die Schweiz wollen: aus Eritrea, Somalia, Äthiopien. Die Achse aus Ostafrika Richtung Mittelmeer sei deshalb «wieder offener», so Curchod. Er rechnet mit etwas mehr Menschen, die sie 2026 nutzen werden.

Leicht weniger Asylgesuche erwartet

Curchod ist der Migrationsmechaniker im SEM. Für ihn findet Migration in Tabellen und Grafiken statt: Globale Fluchtrouten, der grosse Massstab, die Weltkarte. Härtefälle? Einzelschicksale? «Man muss das ein Stück weit verdrängen», sagt der Analyst mit einem Zögern.

Route für Route, Land für Land geht er die Karte durch: Wo vertreibt die Weltlage gerade Menschen? Wo entlang könnten sie einen Fluchtweg finden? Und: Wer kommt in die Schweiz?

Afghanistan? «Wohl etwa gleichbleibend.»

Türkei? «Vielleicht leicht sinkend, aber nicht viel.»

Ähnlich sehe es für die Maghrebstaaten aus. In die Analyse fliessen hauseigene Ländereinschätzungen ein, der Austausch mit Partnerbehörden in Europa und Erfahrung. Der Rest sei logisches Denken, sagt Curchod.

Insgesamt kommt das SEM zum Schluss, es sei am wahrscheinlichsten, dass die Migration im Asylbereich in die Schweiz 2026 ein wenig, aber nicht stark sinken werde. Es rechnet im wahrscheinlichsten Szenario mit 25'000 Asylgesuchen.

Wie lässt sich Migration steuern, Christoph Curchod?

Box aufklappen Box zuklappen

Wenn sich Migration prognostizieren lässt, lässt sie sich auch steuern? Reduzieren? Christophe Curchod sagt, eher nicht mit Grenzkontrollen. Kaum nachhaltig mit politischer Rhetorik. Am wirksamsten sei ein Hebel: Anstatt die Einreise könne man vor allem die Aus- und Weiterreise verhindern.

Der Schlüssel für die Migrationssteuerung läge also auch für die Schweiz jenseits der Grenze: «Italien müsste bereit sein, Migration zu behindern und Leute zurückzunehmen», so Curchod. «Das wird nicht der Fall sein.»

Italien hat die Rückübernahme von Flüchtlingen eingestellt. Mehrere Mittelmeerländer kontrollieren zwar ihre Grenzen, hindern aber die Geflüchteten kaum an der Weiterreise, wenn sie diese einmal überwunden haben. So, wie das auch die Schweiz nicht macht, wenn Geflüchtete weiter wollen nach Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien.

Funktioniert so das europäische Asylsystem noch? Curchod sagt: «Das Asylsystem in Europa gibt letztlich eine Antwort auf die Fluchtsituation, wie sie vor 20 Jahren war.» Daran würden auch die jetzt geplanten Anpassungen im Rahmen des EU-Migrations- und Asylpakts nichts ändern.

Europa und die Schweiz müssten sich eingestehen: «Wenn wir nicht mit Menschen konfrontiert sein wollen, die hier ein Asylgesuch stellen, ohne wirklich verfolgt zu sein, dann kann man nicht ausschliessen, dass mit dem zur Verfügung gestellten Geld Massnahmen getroffen werden, die dazu führen, dass Menschen sterben. Das ist hart.»

Diskutieren Sie mit:

Echo der Zeit, 26.01.26, 18 Uhr;liea

Meistgelesene Artikel