Das Fenster im kleinen Büro von Christoph Curchod im ersten Stock des Staatssekretariats für Migration (SEM) geht nach Südosten. Man könnte auch sagen: Dorthin, von wo die meisten Asylbewerber herkommen. Aber Curchods Blick geht auf eine grosse Weltkarte, hinter seinem Sitzplatz an der Bürowand.
Auf der Karte befestigt sind Tabellen mit aktuellen Gesuchszahlen: Die wichtigsten Herkunftsländer, die wichtigsten Transitrouten, die wichtigsten Zielländer in Europa. «Gerade haben wir sehr viel Rot», sagt Curchod, «auch wenn wir die Schweiz anschauen.»
Rückläufige Gesuchszahlen in Europa
Rot, das heisst rückläufig, weniger Gesuche als im Vorjahr. Und diese Zahlen sind eine wichtige Grundlage für den Ausblick, den Curchod anstellen will. Auf 10 Prozent genau will er die Zahl der Asylgesuche 2026 voraussagen.
Wir haben das Pech, dass wir genau auf der einzigen Achse liegen, auf der die Migration nach Europa zugenommen hat.
In der Schweiz allerdings gehen die Gesuche weniger stark zurück als in anderen europäischen Ländern. «Wir haben das Pech, dass wir genau auf der einzigen Achse liegen, auf der die Migration nach Europa zugenommen hat», sagt Curchod.
Bürgerkriegsfronten im Sudan nicht mehr im Weg
Vor seiner Weltkarte macht Curchod jetzt einen grossen Schritt zur Seite, nach Osten. Dann zeichnet er mit der Hand eine lange Diagonale auf die Karte. Es ist jene Migrationsbewegung, die am schwierigsten einzuschätzen sei: vom Horn von Afrika nach Grossbritannien. Durch die Schweiz.
«Der Sudan ist im Moment noch schwierig», so Curchod. «Eine Kraft im Bürgerkrieg kontrolliert den ganzen Nord- und Ostsudan.» Dort würden die Migrationsrouten verlaufen. Die andere Fraktion kontrolliere den Südwesten des Landes, wo es auch zu Massakern an der Zivilbevölkerung kam. «Aber die Migrationsrouten werden nicht mehr behindert.»
«Riesiges Migrationspotenzial»
Sudan ist laut UNO-Flüchtlingshilfswerk zwar der Konflikt mit den meisten Vertriebenen weltweit. In Europa aber steigen die Gesuchszahlen nur langsam, in der Schweiz noch kaum. Curchod erklärt es so: «Das ist ein riesiges Migrationspotenzial, aber diese Menschen haben kein Geld.» Die Schlepper hätten deshalb kaum Interesse an ihnen.
Allerdings: Der Krieg im Sudan beeinflusst auch die Flucht aus anderen Ländern, aus denen viele in die Schweiz wollen: aus Eritrea, Somalia, Äthiopien. Die Achse aus Ostafrika Richtung Mittelmeer sei deshalb «wieder offener», so Curchod. Er rechnet mit etwas mehr Menschen, die sie 2026 nutzen werden.
Leicht weniger Asylgesuche erwartet
Curchod ist der Migrationsmechaniker im SEM. Für ihn findet Migration in Tabellen und Grafiken statt: Globale Fluchtrouten, der grosse Massstab, die Weltkarte. Härtefälle? Einzelschicksale? «Man muss das ein Stück weit verdrängen», sagt der Analyst mit einem Zögern.
Route für Route, Land für Land geht er die Karte durch: Wo vertreibt die Weltlage gerade Menschen? Wo entlang könnten sie einen Fluchtweg finden? Und: Wer kommt in die Schweiz?
Afghanistan? «Wohl etwa gleichbleibend.»
Türkei? «Vielleicht leicht sinkend, aber nicht viel.»
Ähnlich sehe es für die Maghrebstaaten aus. In die Analyse fliessen hauseigene Ländereinschätzungen ein, der Austausch mit Partnerbehörden in Europa und Erfahrung. Der Rest sei logisches Denken, sagt Curchod.
Insgesamt kommt das SEM zum Schluss, es sei am wahrscheinlichsten, dass die Migration im Asylbereich in die Schweiz 2026 ein wenig, aber nicht stark sinken werde. Es rechnet im wahrscheinlichsten Szenario mit 25'000 Asylgesuchen.