Menschenhandel – nicht in einem Bordell oder auf dem Strassenstrich, sondern im Wohnzimmer. Auch in der Schweiz erleben Arbeitsmigrantinnen Ausbeutung in Privathaushalten, wo sie putzen, einkaufen, Kinder betreuen, sich um Pflegebedürftige kümmern.
Die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration berät Menschen, die in eine solche Situation geraten sind. Im letzten Jahr hat sie ihre Ressourcen in dem Bereich aufgestockt, sie betreut dort aktuell 34 Personen. Eine von ihnen ist Alexandra aus Albanien, die eigentlich anders heisst und aus einem anderen Land in der Region kommt. Das Fallbeispiel hat FIZ-Mitarbeiterin Fanie Wirth gegenüber Radio SRF geschildert.
Der Kontakt
Alexandras Geschichte beginnt mit einem Facebook-Inserat: drei Monate Haushaltsarbeit in der Schweiz, für monatlich 800 Franken. Für Alexandra klingt das nach einem verlockenden Angebot. Sie hat gerade einen Schicksalsschlag erlebt: Ihre Mutter ist gestorben. Nun trägt sie die finanzielle Verantwortung für ihre Familie.
Noch in Albanien lernt Alexandra die Schwester ihrer späteren Arbeitgeberin kennen, es entsteht eine Art Vertrauensverhältnis. Alexandra nimmt die Stelle an.
Der Arbeitsalltag
Als Alexandra in der Schweiz ankommt, merkt sie, dass ihre Arbeitgeberin sich nicht an die Abmachungen hält. Aus einem Acht-Stunden-Tag wird ein Arbeitsverhältnis, in dem Alexandra rund um die Uhr zur Verfügung stehen muss: um kurzfristig zu putzen, einzukaufen, Tiere zu füttern, Kinder zu betreuen.
Zudem setzt ihre Arbeitgeberin sie unter Druck, physisch wie psychisch, als Alexandra sich über die Arbeitsbedingungen beschwert. Sie erhält entgegen der Versprechungen keine Arbeitserlaubnis. Alexandra lebt isoliert, sie kennt weder ihre Rechte noch das Schweizer System. Die Familie nutzt das aus: «Wenn du gehst, wirst du verhaftet.»
Die Schutzunterkunft
Es sei typisch, dass diese Form der Ausbeutung im Verborgenen stattfinde, meint Fanie Wirth. Gerade bei privater Sorgearbeit fehle die Sensibilität – bei den Behörden, aber auch bei Bekannten. «Man geht ja nicht davon aus, dass die Mutter, die Freundin, der Arbeitskollege Menschenhandel betreibt.»
In der Realität kommen die Menschen oft bei uns an und schlafen, weil die Anspannung endlich abfällt.
Alexandra bekommt von der Familie für die drei Monate statt der versprochenen 2400 Franken nur rund 150 Franken Lohn. Schliesslich wird aber die Polizei auf sie aufmerksam. Sie gerät in eine Ausländerkontrolle, eigentlich will die Polizei lediglich ihre Arbeitsbewilligung kontrollieren. Im Gespräch wird klar: Das ist ein auffälliges Arbeitsverhältnis, es könnte um Menschenhandel gehen.
Alexandra wird an die FIZ überwiesen. Die Fachstelle führt individuelle Gespräche und bietet medizinische, psychologische und juristische Unterstützung an. Fanie Wirth sagt dazu: «In der Realität kommen die Menschen oft bei uns an und schlafen, weil die Anspannung endlich abfällt. Weil sie sich das erste Mal wieder sicher fühlen.» Erst nach dieser anfänglichen Erholung könne man den Fall genauer anschauen, Optionen besprechen und das weitere Vorgehen klären.
Alexandras Aufenthalt in der Schweiz führt tatsächlich zu einem Strafverfahren. Sie zeigt ihre ehemalige Arbeitgeberin an und kehrt während des Verfahrens zurück nach Albanien. Dort arbeitet sie nun in einem Hotel – und wartet auf den Ausgang des Strafverfahrens. Ob in ihrem Fall tatsächlich Menschenhandel vorliegt, muss ein Gericht entscheiden.