Vor drei Jahren wurde an der Oberstufe in Gossau im Kanton St. Gallen ein neues Modell mit einem flexiblen Schulstart eingeführt. Es überlässt den Kindern, wann sie am Morgen beginnen möchten.
Wer mag, kommt um 7:30 Uhr, arbeitet in der offenen Lernlandschaft und kann sich bei Fragen an die zwei Lehrpersonen wenden, die jeweils vor Ort sind. Der offizielle Unterricht in den Klassen beginnt dann um 8:30 Uhr. Spätestens dann müssen alle Schülerinnen und Schüler anwesend sein. Die Anzahl Klassenstunden pro Woche bleibt gleich.
Die Ergebnisse zum flexiblen Schulstart sind eindeutig positiv. Zu diesem Schluss kommt die Studie der Universität und des Kinderspitals Zürich, die in der renommierten Zeitschrift «Journal of Adolescent Health» publiziert wurde.
Mehr Schlaf und bessere Leistungen
Die grosse Mehrheit – 95 Prozent der Jugendlichen – wählt den späteren Schulbeginn. Weil sich die Zeit des Schlafengehens kaum verändert, sie aber mit der Schule später beginnen können, erhöht sich die durchschnittliche Schlafdauer an Schultagen um 45 Minuten.
Unser flexibles Modell ermutigt die Jugendlichen dazu, in sich hineinzuhören, zu überlegen: ‹Was tut mir gut? Was brauche ich heute?›
Das wirke sich in vielerlei Hinsicht positiv aus, sagt Studienleiterin Joëlle Albrecht. «Die Jugendlichen berichten weniger häufig von Einschlafproblemen und haben weniger tiefe Werte bei der Lebensqualität», so Albrecht.
Heisst: Die Kinder fühlen sich fitter, leistungsfähiger und haben mehr Energie. Auch die schulischen Leistungen haben sich gemäss Studie verbessert: Standardisierte Tests haben ergeben, dass die Leistungen signifikant besser waren, vor allem in Mathematik und Englisch.
Mitteilung zur Studie der Universität Zürich
«Wir möchten mit dem Schulmodell den Kindern den Ball zurückspielen und ihnen einen Raum bieten, wo sie üben können, Verantwortung zu übernehmen», sagt Schulleiter Thomas Eberle. «Die Schule gibt so viel vor. Da wollten wir einen Gegenpart setzen. Unser flexibles Modell ermutigt die Jugendlichen dazu, in sich hineinzuhören, zu überlegen: ‹Was tut mir gut? Was brauche ich heute?›»
Überzeugte Schülerinnen und Schüler
Nicht nur der Schulleiter ist überzeugt vom Modell des flexiblen Schulstarts, auch die Teenager. «Ich kann viel besser in den Tag starten, wenn ich morgens nicht stressen muss», erzählt die 15-jährige Lara. «Zudem kann ich mich tagsüber besser konzentrieren und komme abends nicht völlig geschafft nach Hause.»
Schon seit geraumer Zeit wird in der Schweiz über einen späteren Schulstart diskutiert, um dem chronischen Schlafmangel bei Jugendlichen etwas entgegenzusetzen. Denn dass sich in der Phase der Adoleszenz der biologische Rhythmus in die Nacht hinein verschiebt und viele Jugendliche deshalb an Schultagen ein Schlafdefizit aufbauen, ist wissenschaftlich erwiesen. Chronischer Schlafmangel kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken.
Kommt dazu, dass die Zahl der Jugendlichen, die unter Ängsten oder Depressionen leiden, auch in der Schweiz zugenommen hat. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist das «Modell Gossau» vielversprechend. Es zeigt, dass eine verhältnismässig kleine Änderung viel bewirken kann.