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Ausstellung in St. Gallen Was BHs für Geschichten erzählen

Der Büstenhalter als Zeitzeuge – im Textilmuseum St. Gallen gibt eine Sammlerin Einblick in die Welt von Korsett und BHs.

Beata Sievi ist Psychologin und gelernte Korsettschneiderin. Die Winterthurerin mit polnischen Wurzeln besitzt eine der grössten Sammlungen von Korsetts und Büstenhaltern in der Schweiz. Allein BHs hat sie über 200 Stück. Der älteste ist ein «Triumph-BH» aus den 1920er Jahren.

Die Büstenhalter von früher sind raffinierte Kleidungsstücke.
Autor: Beata Sievi Sammlerin

Mit ihrer Sammlung will Beata Sievi die Geschichte dieses Handwerks bewahren. «Die Büstenhalter von früher sind, im Gegensatz zu heute industriell hergestellten BHs, raffinierte Kleidungsstücke», sagt Beata Sievi. Das Handwerk habe eine lange Tradition. Die verschiedenen Macharten und die Geschichte dahinter sollen nicht in Vergessenheit geraten.

Der BH hat sich stets weiterentwickelt

Die ersten Büstenhalter, so wie sie heute verkauft werden, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Erste rudimentäre Vorläufer habe es aber schon im 15. Jahrhundert gegeben, erklärt Beata Sievi. Schon viel älter sind Korsetts.

Lingerie als modische Zeitzeugen

Der Bullet-Bra oder auch Torpedo-Bra in der Sammlung von Beata Sievi stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

An die Frauen im Militär hat man den Anspruch gestellt, dass sie die Männer aufmuntern.
Autor: Beata Sievi Sammlerin

«Frauen – vor allem in Amerika – übernahmen im Militär eine wichtige Rolle», so Sievi, «zum Beispiel als Krankenschwestern». Gleichzeitig habe man an die Frauen im Militär aber auch den Anspruch gestellt, dass sie die Männer aufmuntern. «You're a beauty on duty» – sei ein gängiger Slogan gewesen – «Du bist eine Schönheit im Dienst».

Die Frauen haben die BH-Geschichte aktiv mitgeprägt.
Autor: Beata Sievi Sammlerin

1968 haben Frauen in den USA aus Protest gegen die Unterdrückung BHs in einen «Freiheitsmülleimer» geworfen und auch verbrannt. Sie setzten den BH als Zeichen für Selbstbestimmung ein und protestierten in der Öffentlichkeit mit diesem Kleidungsstück. Dass die BHs weltweit zu Hunderten verbrannt wurden, wird heute als Mythos gewertet.

Frauenproteste ab 1968

Laut Beata Sievi sei das neue Selbstverständnis der Frau in den 1970er Jahren für die Lingerieindustrie eine grosse Herausforderung gewesen. «Die Marke Wonderbra nutzte diese Situation geschickt aus und warb künftig damit, dass es beim BH nicht nur um Ästhetik, sondern auch um Komfort gehe», sagt die 60-jährige Sammlerin. «Frauen haben die BH-Geschichte aktiv mitgeprägt».

St. Gallerin war der Zeit voraus

In einem Koffer hat Beata Sievi fein säuberlich Lingerie aus St. Gallen aufbewahrt. Die St. Galler Schneiderin Engelina Grünenfelder führte an der St. Leonhardstrasse ein eigenes Geschäft. Ab den 1930er Jahren hat sie dort Korsetts und BHs hergestellt.

Sie war sehr innovativ und hat mit Ärzten und Orthopäden zusammengearbeitet.
Autor: Beata Sievi Sammlerin

Für Engelina Grünenfelder war schon in den 1930er Jahren klar, dass ein BH oder Korsett ästhetisch und gesund sein soll. «Sie war sehr innovativ und hat mit Ärzten und Orthopäden zusammengearbeitet.» Ungewöhnlich für diese Zeit, sagt Beata Sievi.

Ein Schwarzweissbild auf welchem eine Frau vor einem Auto steht.
Legende: Engelina Grünenfelder interessierte sich nicht nur für Lingerie. zvg / Frauenarchiv ostschweiz

«Engelina Grünenfelder war auch die erste Frau in St. Gallen, die ein eigenes Auto hatte, damit ins Tessin in die Feien fuhr und Zigarre rauchte», so Beata Sievi. Das zeigten die wenigen Dokumente, die sie über Engelina Grünenfelder gefunden habe. Sievi hat die Stücke aus dem Nachlass von Engelina Grünenfelder vor einer Liquidation gerettet und ist heute stolze Besitzerin.

Eine Frau zeigt ein Skizzenheft und Lingerie, die auf einem Tisch liegen.
Legende: Die Sammlung von Beata Sievi ist gut dokumentiert. SRF / Michael Ulmann

Das Schönheitsideal und das Erotikideal wurden über die Jahre auch durch die BHs geprägt. Die Sammlung von Beata Sievi dokumentiert deshalb nicht nur Handwerk, sondern auch Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der letzten 150 Jahre.

Regionaljournal Ostschweiz, 13.4.2026, 17:30 Uhr ; 

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